• vom 17.01.2018, 16:50 Uhr

Kunst

Update: 17.01.2018, 16:59 Uhr

Ausstellung

Elfentraum im Zwergengarten




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Forumschlosswolkersdorf stellt sich die Fragen: "Kitsch? Echo der Kunst? Zu viel des Guten?"

"Good Night Rembrandt" mit Fuchs und Goldhase.

"Good Night Rembrandt" mit Fuchs und Goldhase.© recht "Good Night Rembrandt" mit Fuchs und Goldhase.© recht

Wien. Für alle noch immer von "Kitschmas" mit beleuchtetem Flitterkram und Krippentand Geschädigte gibt es eine Ausstellung zur Erholung. Sie könnte jedoch auch den "bösen Dingen" zum Durchbruch verhelfen, die schon munter über Jahrzehnte mit Lustfaktor in die hohe Kunst einwandern, weil das Leichte und das Peinliche zu einem der letzten angestrebten Tabus ab der Pop-Art aufgestiegen ist.

Ekel vor dem Leichten (Pierre Bourdieu) oder Angst vor "verwesendem Ornament" (Theodor W. Adorno) haben wir lange nicht mehr. Unsere Künstler halten auch locker stand neben internationalen Kitschgrößen am Kunstmarkt seit 1980 wie Jeff Koons, Damien Hirst oder Pierre & Gilles, auch wenn sie im Forumschlosswolkersdorf ohne wichtige Kolleginnen wie Renate Bertlmann oder Christy Astuy auskommen müssen.

Information

Ausstellung

Kitsch? Echo oder Kunst?

Zu viel des Guten?

Hannes Etzelstorfer (Kurator)

Forumschlosswolkersdorf

bis 25. Februar

Massenkonsum Teil der Schau

Kurator Johannes Etzlstorfer legte die Frage aller Fragen nach dem Verschmelzen von Kitsch und Kunst zweischneidig an, ein wenig historisch und dabei auch partizipativ ist eine Sammelaktion begeisterter Wolkersdorfer eingeschlossen. Devotionalien, Souvenirs, Gartenzwerge, Glitzerkleid, Alltagstand, aber auch Krippen- und Weihnachtskitsch, sollen dem Besucher all das "andrehen, was er nicht braucht" (so die psychologische Definition des jiddischen Begriffs "verkitschen" nach Abraham Moles).

Der Massenkonsum ist also ein Teil der Schau, den anderen bilden die vier Künstlerräume und künstlerische Interventionen; dazu gibt es schon im Auftaktraum und weiter erklärende Texte, dass weder ein Pamphlet oder eine Predigt gegen schlechten Geschmack angestrebt ist, sondern die lustvolle Variante, spielerisch mit Versuchen zur heutigen Definition "Kitsch ist cool" zu finden.

Der Begriff Kitsch taucht erstmals im Kunsthandel in München im Jahr 1878 auf, er beschreibt schmierig Streichfähiges wie dilettantisch Unfertiges, betrifft vor allem die Moderne, aber an sich gibt es erste Massenproduktion trivialen Kunsthandwerks seit der Spätantike in mehreren Phasen. Auch ein Zitat des unbedingten Kitschanhängers Adolf Hitler ist dabei, in dem er das Klischee aber der "primitiven" Kunst der "Neger" anhängt. Private Leihgaben von jenen sauerkitschigen NS-Künstlern sind aber ausgespart, all die Bambis und schwüle Erotik neben heimatlichem Hubertushirsch und Patriotismus finden sich hier nur ironisch gebrochen, etwa aktuell von Sebastian Weissenbacher.

Alltägliche Entgleisungen

Sein Bild "Kraft durch Freude" zeigt rosenumrankte Spielzeugtiere, der Spezialist für bunte Bären, Edelweiß über Alpenpanorama und Quietschenten zeigt jene Spielzeugwelt als Spiegel alltäglicher sozialpolitischen Entgleisungen. Wie Bernhard Tragut, Martin Praska, Götz Bury, Konrad Stania oder Guido Kunert haben die Meister der scheinbaren Leichtfußproduktion selber Porzellanelfen, Gartenzwerge und Textbeiträge zu ihren Werken mit eingebracht. Ihre Gemälde und bemalten wie geschnörkelten Skulpturen warnen äußerst vergnüglich, dass Kunst, Religion und Politik noch immer gestalterische Einfalt als Propaganda nutzen, süße Werbung mit Schnulze, Airport-Art und Museumsshop-Ware uns fest im Griff haben.

Die Kunstwürde

Praskas "Good Night Rembrandt" mit Fuchs und Goldhase (in Erinnerung an Joseph Beuys und romantische Nächte) ist wie sein "Freidenker" nach Caravaggio unter Birken so passend wie Traguts geschnitzte Schreine, die Kitsch und Porno wie Bombe und Waldeinsamkeit verbinden - "Zu viel des Guten" haben wir ähnlich in alltäglichen Nachrichten über Atomknopfdrücker. Es sind auch Tatsachen, die wir im "Traum vom schönen Heim"-Raum sehen: Stanias 2016 erstellte Fotoserie "Gemeindebau" kombiniert elf individuell gestaltete Balkone mit überbordenden Sammelvarianten von Gebrauchskunst.

Von Bräuten über Barbies zum Herz-Jesu-Kitsch, dem Bury mit seiner Rokokoerfahrung aus der Jugend den Albtraum vom musikalischen Ohrwurm anschließt. Fehlt nach Spätantike und dem Nazikitsch der Horrorfilm, aber Kitsch darf nach Werner Hofmann ohnehin die Kunstwürde nicht versagt werden. So werden wir auch munter weiter kitschen, sowohl am Friedhof als auch in den Museen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-01-17 16:53:08
Letzte Änderung am 2018-01-17 16:59:51



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