• vom 02.02.2018, 16:14 Uhr

Kunst

Update: 02.02.2018, 16:21 Uhr

Ausstellungskritik

Die Galaxie im Badezimmer




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Mumok wirft in der Schau "In der Arbeit schüchtern bleiben" ungewohnte Blicke auf Bruno Gironcoli.

Als "Riesenspielzeuge" wurden Bruno Gironcolis Plastiken wie "Ohne Titel" bezeichnet. - © mumok/Stephan Wyckoff

Als "Riesenspielzeuge" wurden Bruno Gironcolis Plastiken wie "Ohne Titel" bezeichnet. © mumok/Stephan Wyckoff

Nur wenige Ausstellungen in Galerien haben sich bis jetzt intensiver um die Papierarbeiten des österreichischen Bildhauers Bruno Gironcoli (1936-2010) bemüht. Das lag auch am Künstler selbst, der als Nachfolger Fritz Wotrubas an der Akademie vor allem durch seine raumgreifenden Großplastiken gesehen werden wollte. Acht Jahre nach seinem Tod stellen Manuela Ammer, im Katalog unterstützt von Edith Futscher, viele neue Aspekte neben deren Skizzencharakter für Installationen zur Debatte. Dazu hat Kuratorin Ammer in einem mühevollen Vorbereitungsprozess für zwei Ebenen des Mumok die vor allem in Privatbesitz aufbewahrten großen Papierarbeiten, Zeichnungen oder meist Gouachen mit Tusche, Lack und Metallpulverfarbe, für eine Personale mit dem Untertitel "In der Arbeit schüchtern bleiben" vereint. 150 Werke auf Papier werden durch 25 Skulpturen und frühe Installationen ergänzt.

Futuristische Prähistorie

Information

Ausstellung

Bruno Gironcoli. In der Arbeit schüchtern bleiben

Manuela Ammer (Kuratorin)

Mumok

Bis 27. Mai

Der Titel verweist auf Gironcolis Genese in Wien und Paris um 1960, die gedankliche Nähe zu den sozialkritischen Inhalten der Aktionisten wehrte er ab: Statt seinen Körper einzusetzen, wolle er doch lieber "in der Arbeit schüchtern bleiben". Dafür reformierte er die Bildhauerei in eine Objekt- und Installationskunst. Seine Schüler Franz West oder Hans Schabus setzten hier fort.

Zuerst stieß Gironcoli nach einem Malereistudium und eine Goldschmiedelehre auf die intergalaktischen Visionen der experimentellen Architekten um Hans Hollein, Haus-Rucker-Co, den neuen Geist von "Super-Design" mit Walter Pichler, Interesse für die Ethnografie eines James Clifford - insgesamt eine brodelnde experimentelle Praxis, die in Wien eine große Bühne sah, auch wenn die Ideen lange im Utopischen blieben. 1961 kam es in Paris
zur Begegnung mit dem Werk Alberto Giacomettis, aus dessen archaischen Rückblicken auf Idole von den Kykladen und Etruskern sich Gironcoli seine eigene Mischung einer futuristischen Prähistorie schuf.

Nobelpreisträger Samuel Beckett zeigte damals die Existenzkämpfe einer bedrohlich schwarzen Gegenwart mit Rückblick auf die Schrecken der Vergangenheit auf der Bühne. Gironcoli fand neben Anregungen durch Sigmund Freud oder Karl Marx in Becketts Figur des Murphy ein Alter-Ego. Dieser rätselhafte Zeichner taucht in seiner Kunst neben der "Großen Mutter" und einem Kind im embryonalen Zustand mit Bulldoggen, Dackeln, Pavianen anderen Versatzstücken schablonenhaft immer wieder auf. Er kämpft in den Blättern mit elektrischen Kreisläufen, gefangen in einer technoiden Versuchsanordnung, die auch seine Sexualität zu unterbinden sucht, bleibt isoliert. Als halbe Rückenfigur greift das Murphy-Selbst in die oft gerasterten Flachräume ein und erzeugt eine Perspektive auf reiner Fläche. Oder er schwingt vor royalem Blau organisch anmutenden Objekte in Bronzefarbe. Das Zukunftsweisende wird von seinen Kämpfen im Alltag mit Möbel- und Matratzengitter gestört, erinnerungsträchtig sind das Tabusymbol Swastika, modische Plateauschuhe und Lilien, Pinienzapfen sowie Edelweißkitsch mit altägyptisch anmutenden Elementen neben griechischen Olisboi (Phallusattrappen) wild gemischt.

Nachdem Werner Hofmann Gironcolis Plastiken als "Riesenspielzeuge" titulierte, nach Murphy, Mutterrecht und dem damals alltäglichen Kampf der Künstler gegen die Werbe- und Konsumwelt, von der sich alle magisch angezogen fühlten, sodass Ekel mit Kitsch konform ging, können heute vor den Papieren weitere Anregungen erfahren werden.

Zahnarztstuhl und Mumie

Mit giftigen Grüns, Knallrot und vielen Metallfarben galt die unablässige Suche Gironcolis aber nicht einer neuen Malerei, sondern der Reform der Bildhauerei. Seine frühen, an Folterkammern, Zahnarztpraxen oder Spitalsbadezimmer gemahnenden Seziertische, aufgespießten Pölster, Näpfe für Gefangene neben verdrahteten Säulen in Mumienform, waren schwer verständlich. So auch die 1976 einen Skandal provozierende knallgelbe Madonna mit Klomuscheln, Kornähren und Besen, die Kirche und Politik beunruhigte. Doch sie war tatsächlich ein radikaler Neuanfang. Burghart Schmidt, der postmoderne Kitschwelten theoretisch umkreist, sah Gironcoli als Forscher auf der "Mülldeponie des Sakralen". 1977 war der Nachfolger Wotrubas mit seinen Drahtskulpturen und ersten Polyestergüssen immer noch extrem umstritten, jedoch hätte er damals den Sprung in die internationale Kunstszene schaffen können. Es lag weder an der Kulturpolitik oder Museen und Galeristen als an seiner extrem scheuen, dem Markt und gesellschaftlichen Parkett abgeneigte Art, dass dieser Sprung noch bevorsteht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-02 16:17:17
Letzte Änderung am 2018-02-02 16:21:31


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