Ein "neuwildes" Werk des Franzosen Michel Macréau: "Portrait" aus dem Jahr 1987. - © Fonds de l’Abbaye d’Auberive
Ein "neuwildes" Werk des Franzosen Michel Macréau: "Portrait" aus dem Jahr 1987. - © Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Es gibt Sammler, die bauen sich dunkle "private Grotten": Das sagt Philippe Dagen über Jean-Claude Volot und dessen hunderte internationale Beispiele eines "esprit singulier". 2005 fand der in der Flugzeugindustrie erfolgreiche Volot mit der ehemaligen Zisterzienserabtei d’Auberive, die in Nordfrankreich auch als Gefängnis diente, den idealen Ort für Aufbewahrung und Präsentation. Sein Geschmack ist speziell. Gegen rationale Konzeptkunst gerichtet, kauft er Vertreter der "Figuration Libre", das sind die französischen Neuwilden Robert Combas oder etwa Michel Macréau. Es geht hier nicht um Kunstaktien, sondern um Inhalte wie die schwarze Romantik und ein sozialkritisches Menschenbild; dabei mischen sich bekannte Künstlernamen mit Amateuren und Aktivitäten nahe von Art Brut und Populärkunst. Deshalb passt die Auswahl von etwa einem Viertel dieser Gemälde, Grafiken, Fotocollagen und Objekte gut nach Gugging und erweitert unter dem Titel "existence.!" die Diskussion über Hierarchieauflösung in der Kunst über Art Brut hinaus.

Abenteuerlicher Grenzgang

Fantastisch-naive Künstler seit dem 19. Jahrhundert, Surrealisten und Anhänger eines in Paris von afrikanischer Kunst angeregten "Primitivismus" und "Nachprimitivismus" mischen sich mit Neo-Dada, Post-Pop und Elementen aus Streetart und Graffiti. Ein abenteuerlicher Grenzgang zwischen allen Künsten - oft sind es Malerei und Dichtung, auch Fotografie und Objektkunst werden gleichwertig und nebeneinander ausgeübt. Als die Abtei noch Gefängnis war, schrieb die Anarchistin Louise Michel von dort Briefe an den Dichter und Maler Victor Hugo, und Volot hat sie publiziert. Seine erste Anregung zur Sammlung gab ihm der berühmte Maler Karel Appel, Vertreter der Cobra-Gruppe aus Amsterdam, die ab den 1950er Jahren mit Anleihen bei der Art Brut die "Hochkunst" aufmischte.

Der wilde Mix der Schau konfrontiert einen bekannten Surrealisten wie Hans Bellmer mit dem an Johann Garber aus Gugging erinnernden Jean-Pierre Nadau, Alfred Kubin hängt hier neben dem von Jean Dubuffet entdeckten Gaston Chaissac. Von jenen Antihelden, die keine malerischen Berufsprofis waren wie die mit Adolf Wölfli vergleichbaren Adolphe Vuillemot und Joseph-Emmanuel Boudeau, war Letzterer Matrose und Ersterer ein Politiker der Linken, der sogar Präsident werden wollte.

Skurrile Schicksale von Outsidern und tragische Lebensläufe, die Kunst zur Therapie machten, spielen bei Stars wie Zoran Mušič eine Rolle: Der Absolvent der Akademie in Zagreb wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und kam nach Dachau; er überlebte nur knapp und arbeitete sich erst spät mit gemalten wie radierten Serien ("Wir sind nicht die Letzten") das Gesehene von der Seele. Schwarze Visionen bedrängen auch den jüngeren Joel-Peter Witkin, Absolvent der Cooper-Union-Akademie in New York: Er sah bei einem Autounfall als Kind den Kopf eines Mädchens auf sich zurollen, weshalb er zum "Frankenstein der Fotocollage" wurde. Auch der aus Osteuropa stammende Pinchas Maryan war in Gettos und Konzentrationslagern, wurde öfters angeschossen (auch auf einem Todesmarsch 1945) und studierte erst ab 1947 Grafik in Jerusalem, bevor er nach New York ging. Einer seiner bunten, kafkaesken und der Art Brut wie Pop-Art nahen Dämonen ziert das Cover des Katalogs.

Frauenakte mit Bärten

Mit Philippe Dereux ist der naiv malende und Früchte klebende Mitarbeiter Dubuffets in der Schau, daneben die von Roland Topor geförderte Objektkünstlerin Lydie Arickx mit "Tödleins" aus Bronze und Wachs-Moulagen. Louise Giamari entwirft Mischwesen wie Kentauren aus Bronze, und Murielle Belin verpasst Frauenakten Bärte. Horror und kitschige Ironie sind in der aktuellen Kunst ein häufiges Paar - vereint in den mosaikartigen erotischen Visionen Pierre Bettencourts wie auch in der seltsamen Tischgesellschaft dämonischer Zwerge, bewaffnet mit Messern, eine Installation von Francis Marshall.