Maria Lassnig: "Selbstporträt mit Stab", 1971. - © Maria Lassnig Stiftung
Maria Lassnig: "Selbstporträt mit Stab", 1971. - © Maria Lassnig Stiftung

Wie war das noch einmal mit der Anerkennung des Propheten im eigenen Land? Im eigenen Land ist er nichts wert. In Österreich muss man zusätzlich gestorben sein, um posthum Beachtung und Wertschätzung zu erlangen. Um eine Potenz mühsamer wird es, wenn es sich um eine Künstlerin handelt. Die Biografie von Maria Lassnig scheint die Kriterien zu erfüllen. Eine österreichische Künstlerin, deren Oeuvre rund um den Globus in Museen, Galerien und Kunsthallen gezeigt wird, bei Kunstmessen und Auktionen bereits hohe sechsstellige Verkaufsummen erzielt. Nichtsdestotrotz ist die internationale Beachtung der Künstlerin und ihres vielschichtigen Werkes einer breiteren, kunstinteressierten Öffentlichkeit in ihrer Heimat verborgen geblieben und man wird des Öfteren mit der Frage konfrontiert, ob sie denn noch am Leben sei.

Beeindruckender Parcours

Nein, Maria Lassnig ist 2014 verstorben und sie hat bereits zu Lebzeiten eine in Wien, in ihrem ehemaligen Atelier residierende Stiftung gegründet, die ihren umfangreichen Nachlass verwaltet.

Sie hat auch die verantwortlichen Personen der Stiftung ausgewählt, wie den ehemaligen Joanneum-Direktor Peter Pakesch, ihren langjährigen Assistenten Hans Werner Poschauko, den Direktor des Münchner Lenbachhauses Matthias Mühling, die Galeristen Iwan Wirth und Friedrich Petzel.

Die Satzung der Stiftung sieht vor, dass nicht nur der künstlerische Nachlass bestmöglich verwaltet wird, was Verkäufe an Sammler und Händler, aber vor allem von ausgesuchten Arbeiten an Museen beinhaltet, sondern auch, dass ihr vielschichtiges und prägendes Werk in internationalen Ausstellungen gezeigt wird. Nach Präsentationen in New York, Los Angeles, Liverpool oder Warschau ist es dem Chef-Kurator der Prager Nationalgalerie Adam Budak gelungen, die größte Retrospektive der Künstlerin außerhalb Österreichs zusammenzustellen.

Mit Leihgaben von privaten Sammlungen (etwa aus der Sammlung Klewan) und Institutionen (wie dem Belvedere und der Albertina) ist es ihm gelungen, einen umfassenden Überblick über die unterschiedlichen Schaffensperioden und konzeptuellen Zugehensweisen Maria Lassnigs nachvollziehbar zu machen. Budak integriert in die sehenswerte Präsentation nicht nur das zeichnerische und malerische Werk, sondern auch Skulpturen und - sehr wichtig, weil Lassnig auf diesem Feld enorm avantgardistisch und formgebend gewesen ist - eine Auswahl ihrer experimentellen Videos und Kurzfilme seit den 1970er-Jahren.

Mit den mehr als 50 großformatigen Leinwänden, Zeichnungen und Aquarellen eröffnet sich dem Besucher ein beeindruckender Parcours zum Wandel der Bildsprache der Künstlerin über einen fast 75-jährigen Schaffensprozess. Von informellen, abstrakten und konstruktivistischen Zeichnungen und Gemälden Anfang der 1950er Jahre (wie "Körpergehäuse", 1951), über die Anfänge ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Körper und Selbstrepräsentanz in den 1960er Jahren in Paris (wie "Napoleon und Brigitte Bardot", 1961) und ihrer, wie sie es nannte, Phase des "amerikanischen Realismus" in den Vereinigten Staaten ("Selbstporträt mit Stab", 1971) bis zu ihrer Rückkehr nach Wien in den 1980er-Jahren.

Zutiefst unösterreichisch

Im Anschluss an die Präsentation des malerischen und zeichnerischen Oeuvres werden Interviews und filmische Porträts der Künstlerin gezeigt, die vor ihrem Tod entstanden sind. Für diese sehr persönlichen Porträts sollte man sich Zeit nehmen: Konnte man im bildnerischen Werk die schmerzhafte und oft irritierende Auseinandersetzung mit ihrem Körper herauslesen, zeigt vor allem Sepp Dreissingers eindringlicher Film "Es ist Kunst, ja ja . . .", die nachdenklichen wie verletzlichen Seiten der großartigen Künstlerin, die, wie es Stiftungsvorstand Peter Pakesch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ausdrückt, für ihren Lebensweg "zutiefst unösterreichische Schritte gesetzt hat und vor finanziell eher abgesicherten Gelegenheiten immer die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen" habe. Die Werkschau in Prag sei jedem Interessierten ans Herz gelegt. Für diejenigen, die es jedoch nicht in die tschechische Hauptstadt schaffen, sei auf die Stiftung in Wien verwiesen: Nach einem anstehenden Umbau und einigen Adaptionen, werden auch vor Ort kleinere Präsentationen von Arbeiten Maria Lassnigs möglich sein.