• vom 27.02.2018, 07:30 Uhr

Kunst

Update: 27.02.2018, 11:00 Uhr

Ausstellungskritik

Selbstschau als Weltbilddeutung




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Vor 100 Jahren starb Egon Schiele: Das Leopold Museum zeigt eine umfassende Jubiläumsschau.

Egon Schiele suchte das eigene Ich zu ergründen und damit seine Stellung in der Lebenswirklichkeit zu bestimmen: Die Jubiläumsschau versucht neue Deutungen.

Egon Schiele suchte das eigene Ich zu ergründen und damit seine Stellung in der Lebenswirklichkeit zu bestimmen: Die Jubiläumsschau versucht neue Deutungen.© Leopold Museum Egon Schiele suchte das eigene Ich zu ergründen und damit seine Stellung in der Lebenswirklichkeit zu bestimmen: Die Jubiläumsschau versucht neue Deutungen.© Leopold Museum

Auf dem Totenbett wünschte sich Egon Schiele 1918, dass seine Gemälde zukünftig in Museen auf der ganzen Welt gezeigt würden. Dieser Wunsch hat sich nach 100 Jahren in Europa, Amerika und Japan erfüllt. Der größte Teil seiner Werke wird im Leopold Museum aufbewahrt. Zur Jubiläumsschau kommt vieles aus der privaten Sammlung der Familie (Sammlung Leopold II), neben Bildern vor allem Briefe, Gedichte, Fotografien und frühe Kataloge.

Dreimal wird in der Laufzeit bis November gewechselt, denn die sensiblen Papiere können nicht länger als drei Monate dem Licht ausgesetzt werden - so ist im ersten Aufzug vor allem das Aquarell auf Papier mehreren Themenkreisen zugeordnet, danach erst kommen die Zeichnungen. Die Archivalien liegen zum Teil in Faksimile und zum Teil im Original in Vitrinen, auch hier wird getauscht wie bei den Gedichten, die der doppelt Begabte schrieb.

Information

Ausstellung

Egon Schiele. Die Jubiläumsschau
Diethard Leopold, Hans-Peter Wipplinger (Kuratoren)
Leopold Museum

Bis 4. November

Okkultismus und Moderne

Vorbild der Poesien war Arthur Rimbaud mit seiner Suche nach Identität und den vielen Facetten des "Ich". Deshalb starten die Kuratoren Diethard Leopold und Hans-Peter Wipplinger mit diesem Thema, allerdings gespalten in das erweiterte "Selbst", in das neben Akt- und Selbstbildnis auch emotional aufgeladene dunkle Landschaften passen. Als innere Gefühlsräume können auch die rätselhaften Doppelgängerbildnisse gelten.

1911 sieht sich Schiele selbst "verdunstend" und Schwingungen seines Atems - ganz nach den theosophischen und pantheistischen Strömungen dieser Zeit. Okkultismus und Moderne ist auch bei ihm nicht getrennt. Ohne Chronologie werden die tabubrechenden Analysen des eigenen Körpers und die obsessive Sexualität in Schieles Selbstbildnissen über Jahre miteinander konfrontiert.

Die vielen Akte zeigen Einflüsse der aufkommenden Psychoanalyse, von Fotos der Hysteriepatientinnen, aber auch die Mimikstudien seines Anatomielehrers Hermann Vinzenz Heller, zudem die extreme Gestik aus Verbrecheralben. Hier wird auf die Forschungen Christian Bauers zurückgegriffen.

Das problematische Verhältnis des Künstlers zu seiner Mutter spiegelt sich im Thema Mutterschaft. Dabei schließt eine Emanzipationsgeschichte an: Seine emotionale Trennung ist in Archetypen wie der "Blinden Mutter" oder der "Toten Mutter" auch als Lösung der Komposition in eine neue Geometrisierung zu sehen, die mit dem Ornament des Jugendstils nichts mehr zu tun hat.

Verborgene Neigungen

Auch die Problematik der Kinderakte, die das Erwachen der Sexualität wie in Sigmund Freuds Analysen nachzeichnen und 1912 als absoluter Tabubruch zu einem dreiwöchigen Gefängnisaufenthalt führten, wird nicht allseitig beleuchtet. Es bleibt offen, wie stark Schieles Neigungen waren, beaufsichtigt von seiner Muse Wally Neuzil wurde bei ihm wahrscheinlich nicht ausgelebt, was Adolf Loos oder Peter Altenberg wohl zu Recht vorgeworfen wird.

Im Kapitel "Spiritualität", das den Künstler als heiligen Märtyrer, Propheten, Seher und Rufer in der Wüste abhandelt, wird der okkulte Einfluss durch seinen Mäzen Arthur Roessler spürbar. Krisenhaftes Zeitgefühl und ständige Todespräsenz drückt sich in Worten als "Mein Wesen - mein Verwesen" aus, aber auch in Rückseiten und Fragmenten von Gemälden. Nur in Brief-Skizzen vorhanden ist ein Gruppenbild, das die Wandlung Schieles vom expressiven Geisterseher zum erwachsenen Männerbild wie andere Themenblöcke nachvollziehbar macht.

Die Erkenntnis gilt auch für die zwei großen Säle, in denen über den Akt der Wandel seines Frauenbilds als Hauptthematik aufscheint. Modelle von der Straße, in einem Wien voller armer Zuwanderer zahlreich zu finden, stellen den männlichen Blick auf das Objekt Frau an den Anfang, doch die Enthüllungen integrieren später die Femme fatale und zuletzt gelangt Schiele zur Frau als gleichwertige Partnerin. Diese kehrt in seinen bekanntesten Porträts am Ende wieder, nach Wally auch ein Ausnahmeblatt seiner Frau Edith mit dem Windhund Lord.

"Alles ist lebend tot"

Davor sind Landschaften, Blumen, Schiffe und Häuser vom frühen Realismus über die Ornamentik eines Gustav Klimt bis in die expressiven "Toten Städte" und Häusergruppen in weiten Bögen reich versammelt.

Abschließend bleibt der Blick auf die expressive "Tafelrunde" und Schieles Durchbruch mit der 49. Secessionsschau 1918. Intensiver und mit solcher Materialvielfalt kann Schieles Ansicht "Alles ist lebend tot" kaum erkundet werden. Kurator Diethard Leopold gesteht dabei seine anfänglichen Bedenken, schon wieder eine Schieleschau zusammenzustellen. Mit dem Bruch der Chronologie und den psychologisierenden Themenabschnitten kann indessen doch noch Neues in die schwarze Moldau der Krumauer Ansichten hineingesehen werden.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-26 16:50:42
Letzte Änderung am 2018-02-27 11:00:19


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