Vereint Abstraktion und Gegenständlichkeit: Martha Jungwirths "Frau", 1969. - © Albertina/Jungwirth
Vereint Abstraktion und Gegenständlichkeit: Martha Jungwirths "Frau", 1969. - © Albertina/Jungwirth

Im Jahr der Verleihung des Oskar-Kokoschka-Preises an Martha Jungwirth kommt ihre Malerei auf Papier auch endlich zu Albertina-Ehren. Zwar wurden da schon früh große Zeichnungen aus der Serie "Indesit" angekauft, kurz nachdem sie 1977 auf der documeta 6 in Kassel zu sehen und in Wien als weibliche Pendants der "Junggesellenmaschinen" Harald Szeemanns in aller Munde waren. Alfred Schmeller, Direktor des modernen Museums 1969 bis 1979 und Ehemann der Künstlerin, hatte die Serie mit kunsthistorischem Weitblick auf Giovanni Battista Piranesi als "Carceri der Jungwirth" bezeichnet. Auch frühe Aquarelle, wie das eines Donauhafens, zählen zum Albertina-Bestand.

Brüchige Oberflächen


Für Kuratorin Antonia Hoerschelmann erfüllt sich mit der Personale ein lang gehegter Wunsch, nachdem sie 2015 den Ankauf eines Großformats aus der dunklen Serie nach Franz Hals’ "Regentinnen des Altmännerwohnheims" von 2014 anregte. Daneben stand das Konvolut der Sammlung Essl und Wiener Privatsammlungen zur Verfügung.

Hoerschelmanns Intention, nach der Personale in Krems 2014, noch Unbekanntes ab den 1980er Jahren zu präsentieren, geht somit auf, egal ob es sich um Reiseaquarelle aus Griechenland und Istrien oder die letzten beiden Serien in Öl von 2017 auf besonderen Papieren handelt. Die 50 Blätter, meist im Großformat auf Leinwand aufkaschiert, sind chronologisch in thematische Untergruppen geordnet, zwei Schwerpunkte sind abstrahierte Selbstbildnisse und die landkartengroßen Ansichten der "Spittelauer Lände" von 1993. Jungwirth arbeitet vorzugsweise auf Papier mit Bleistift, Ölfarben oder Aquarell, Acryl verachtet sie. Dabei können auch alte Bilderkartonrückseiten oder eigentlich brüchige Oberflächen benützt werden - wichtig ist der Künstlerin einerseits die Glätte des Papiers, die kaum Wasser oder Öl aufnimmt, aber auch andererseits saugfähiger und rauer Untergrund, egal ob handgeschöpftes, japanisches oder kariertes Kanzleipapier.

Für ihre konzentrierte, körperliche Setzung von Farbklängen in aufgelöster Fleckenstruktur neben sich ballenden Knäuel von Linien oder Pinselstrichen, ist sie vor und auf dem Papier sowie rund um das Blatt unterwegs.

Eindrücke von außen werden über die Vorstellung in einem spontanen, aber kontrollierten psychischen Automatismus zu Papier gebracht. Als bekannteste Wiener Malerin nach der Lassnig, vereint sie Abstraktion und Gegenständlichkeit zu intensiven Selbstbildnissen und Porträts ihrer Freunde. Dazu kommen Landschaften, Städtebild und zuletzt ist auch die Anregung durch Fotografie wichtig. Aus einem Magazin holte sie sich ein Nachtbild in Rosatönen von den Gewaltakten des Putsches im Sommer 2017 in Istanbul und setzte es in glühende Farbfelder um. Niemand in Österreich vermag grelles Pink, Ziegelrot, Lila und Orange so in Einklang zu bringen, wie Jungwirth.

Sensible Farbseen


In der heißen Phase des Pop war sie mit Wolfgang Herzig, Kurt Kocherscheidt, Peter Pongratz, Franz Ringel und Robert Zeppel-Sperl 1968 als lose Gruppierung aufgetreten, die Otto Breicha als "Wirklichkeiten" und Schmeller als "Krokodile" titulierte. Die Vorfahren der neuwilden Maler kombinierten Art Brut, Cobra und Kitsch, wobei sie sich Rennautos, Frauenakten und modischen Plateauschuhen zuwandte. Von dieser Frühphase will Jungwirth bis jetzt leider nichts zeigen, sie lässt ihre Serien erst mit dem Wandel durch die "Indesit"-Serie und ihren New-York-Besuch 1974 starten, wo Küchenmaschinen und Dampf aus den U-Bahnschächten sie anregten.

Gekühlt hat sie die enorme Hitze ihrer Eindrücke und auch den Zorn, der sie oft antreibt, mit sensiblen Farbseen. Die Papiere werden getränkt, Wellen und unregelmäßig Randschnitte bewirken eine Ambivalenz von Energiefülle und Zerbrechlichkeit. 2017 kam zur Istanbul-Serie und einer Reflexion auf Richard Gerstls Bildnis der Schwestern Fey auch eine nach Mauern in St. Petersburg, die zu meist schwebenden Farbinseln, geflügelten Akkorden gewandelt ihre spezifische "Seelenpartitur" wiedergeben, wobei auch der helle Untergrund als leere Felder in flimmernder Dynamik mitwirkt.

Ausstellung

Martha Jungwirth

Albertina, bis 3. Juni