• vom 05.03.2018, 16:35 Uhr

Kunst

Update: 05.03.2018, 17:18 Uhr

Ausstellung

Kunst mit Wurmlöchern




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Von Judith Belfkih

  • Das KHM öffnet spannende Dialoge zwischen eigenen Meisterwerken und solchen der Moderne.

Nackter Blick auf die Frau: Rubens’ Projektion des eigenen Begehrens in "Das Pelzchen" (1636/38) trifft auf Maria Lassnigs nüchterne, selbstermächtigte "Iris stehend" (1972/73).

Nackter Blick auf die Frau: Rubens’ Projektion des eigenen Begehrens in "Das Pelzchen" (1636/38) trifft auf Maria Lassnigs nüchterne, selbstermächtigte "Iris stehend" (1972/73).© KHM, Maria Lassnig Stiftung, Wien Nackter Blick auf die Frau: Rubens’ Projektion des eigenen Begehrens in "Das Pelzchen" (1636/38) trifft auf Maria Lassnigs nüchterne, selbstermächtigte "Iris stehend" (1972/73).© KHM, Maria Lassnig Stiftung, Wien

Rembrandts "Großes Selbstporträt" aus 1652. Die Farben düster in Braun und Beige, einzig das Gesicht und die Schulter streift ein Lichthauch. Die Augen müde, der Blick seltsam leer. Daneben ein Mark Rothko von 1960. Die für ihn markanten Farbblöcke Dunkelgrün und Braun. Einzig der beige Rand und die kleine rote Fläche hellen die Düsternis auf. Stilistisch unterschiedlicher könnten Bilder nicht sein - erbarmungslos naturalistisch hier, absolut gegenstandslos da. Und doch verbindet sie - jenseits der Bewunderung Rothkos für Rembrandt - die emotionale Essenz des menschlichen Dramas.

19 solcher Gegenüberstellungen hat Kurator Jasper Sharp für die Ausstellung "The Shape of Time" im Kunsthistorischen Museum zusammengestellt. Dabei trifft jeweils ein Meisterwerk aus den eigenen Sammlungen, die ja mit 1800 enden, auf eines aus dem 19., 20. oder 21. Jahrhundert. Die Trittsteine, die dabei den Dialog zwischen den Werken und den Jahrhunderten bilden, sind höchst verschieden - mal motivisch oder atmosphärisch, mal ästhetisch oder biografisch. Was sie jedoch niemals sind: plumpe, bloße Provokation. Auch ist es stets eine Begegnung auf Augenhöhe, nie stehlen einander die Arbeiten die Show oder konkurrieren miteinander.

Information

Ausstellung
The Shape of Time
Jasper Sharp (Kurator)
Kunsthistorisches Museum
bis 8. Juli 2018

So trifft etwa Rembrandts von ihm gemalter Sohn Titus auf ein fiktives Porträt seiner Tochter "Nellie", die mit 16 Jahren nach Indonesien ging - eingefangen in einem altmeisterliche Tableaus zitierenden Film von Fiona Tan aus 2013. Nebenan treffen einander Brueghels Blumenstrauß, dem das Verwelken zart angedeutet innewohnt, und die Aufnahmen eines gerade gestorbenen Pferdes, filmisch eingefangen von Steve McQueen - die Vergänglichkeit trieft aus beiden Werken.

Das verbindende Element der Bewunderung zeigt sich nicht nur bei der Paarung Velázquez und Manet, dessen Knabenporträt ganz im Stile des spanischen Meisters gehalten ist, sondern auch bei Peter Doig - und Bruegel. Doig hat die großformatige Arbeit "Two Trees" für die Schau geschaffen und sich gewünscht, durch einen Türbogen getrennt aus dem Nachbar-Saal mit dem Renaissance-Meister in Dialog zu treten - eine Geste des Respekts. Auch Kerry James Marshall fertigte ein Auftragswerk - sein durch ein Fenster geworfener Blick auf eine aus dem Bad kommende Frau im Dialog mit Tintorettos "Susanna im Bade" zeigt, dass der Reiz des Voyeurismus jede Zeitreise übersteht.

Ein stilistisches Zitat verwendet Catherine Opie in ihren Fotos, die sie in der Motiv- und Lichtsprache der Renaissance inszeniert. Die Gegenüberstellung mit Porträts von Dirck Santvoort bläst die knapp vier Jahrhunderte zwischen den Werken hinweg, katapultiert die Bilder aus 1639 in die Gegenwart und bindet die 2017 entstandenen Fotos in ein größeres Ganzes, hebt die Figuren aus ihrer Alltäglichkeit. Nicht nur in diesem Fall eine Bereicherung für beide - und vor allem für den Betrachter.

Formale Kontraste

Viele Gegenüberstellungen leben auch vom formalen Kontrast. Der Blick, den Peter Paul Rubens in "Das Pelzchen" auf seine junge, nackte, sich beschämt bedeckende Frau wirft, ist ein gänzlich anderer als der von Maria Lassnig auf ihre selbstbewusste New Yorker Nachbarin. Nicht nur der individuelle Blick ist ein anderer, hier prallen auch zwei gesellschaftliche Frauen- und damit Projektionsbilder aufeinander. Und doch stellt sich zwischen den beiden Frauen so etwas wie Solidarität der Entblößtheit ein, stehen Klischees und Selbstverständlichkeiten in diesem Dialog radikal zur Disposition.

Noch deutlicher wird dieser Kontrast bei Eleanor Antins Arbeit "Carving" (1972), bei der sich die Performance-Künstlerin selbst als Statue ausgestellt und 36 Tage nichts gegessen hat, um sich in ein Idealbild zu hungern. Die Foto-Dokumentation dieses radikalen Körperprozesses steht einer antiken Aphrodite-Statue gegenüber.

Außerdem trifft Titian auf Turner und Picasso, Bronzino auf Lucian Freud, Caravaggio auf Franz West. Die Begegnungen verändern die Werke - bereichern sie von beiden Seiten. Der Moderne ist ein Stück weit ihre Isolation genommen, die Alten Meister treten aus der Distanz der Vergangenheit.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-05 16:38:40
Letzte Änderung am 2018-03-05 17:18:24


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