• vom 06.03.2018, 16:34 Uhr

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Update: 06.03.2018, 17:26 Uhr

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Brandneues Handy? Okay, nicht sein Handy, Lindsay Lawson hat ihn angezündet.

Brandneues Handy? Okay, nicht sein Handy, Lindsay Lawson hat ihn angezündet.© Lindsay Lawson Brandneues Handy? Okay, nicht sein Handy, Lindsay Lawson hat ihn angezündet.© Lindsay Lawson

Heavy Metal auf Diät

(cai) Sein Künstlername ist abgeleitet von einem bekannten Schwermetall. Iron Man? So ähnlich. Ferro nennt er sich. Von "ferrum". Eisen auf Lateinisch. Sein Lieblingsmaterial. Das bringt er jedenfalls gern zum Schweben. Okay, meistens hängt es an einem Faden. Aber an einem einzigen. Und der reißt immerhin nicht.

Andere essen mit Stäbchen oder musizieren damit (wobei: Dirigenten brauchen ja bloß ein Staberl), und der Ferro macht eben Kunst mit Stäbchen. Oder eigentlich aus Stäbchen. Baut die komplexesten, filigransten . . . "Mobiles" klingt irgendwie zu banal für diese schwerelosen Konstruktionen, die sich dauernd neu austarieren, auf jeden Luftzug reagieren, auf jede Berührung. "Levitating Composition" heißt die Ausstellung in der Galerie Mauroner. Und die schwebenden Dinger haben tatsächlich was von Kompositionen. Musikalischen. Mit ein paar hohen Tönen, die knallrot reinkreischen. Laute Musik hat der viel herumgekommene Auslandsösterreicher (Köln, die Schweiz, New York, München, die Welt) früher eh auch gemacht. Mit seiner Punkband. Und experimentelles Theater. Sogar beim Zirkus war er. Und all das schwingt mit, wenn er mit dem Eisen direkt in den Raum hineinzeichnet. Oder es auf eigenen kleinen Guckkastenbühnen "auftreten" lässt.

Nicht einmal die Wände halten still. Da vibrieren diffuse Schatten. Oder es sind gleich überhaupt unzählige hypersensible Stangerln draufmontiert. (Aufs Weiße. Oder auf farbstarke Tafeln.) Uhrzeiger? Die die Zeit an sich anzeigen und keine bestimmte? Die es nicht eilig haben? Zeit: das, was geschieht, wenn sonst nix passiert. (Hört sich eher an wie die Definition für Langeweile.) Ob Ferros hypnotisierende Gebilde also in Wahrheit Zeitmesser sind? (Unhektische.)

MAM - Mario Mauroner
Contemporary Art

(Weihburggasse 26)
Ferro, bis 28. April
Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr

Ich sitze, also bin ich

(cai) Sooo viele Sessel. Offenbar geht’s da also um den anatomisch modernsten Menschen. Der Homo sapiens hat sich ja evolutionär längst weiterentwickelt. Zum Homo sedens. Zum sitzenden Menschen. Der meistgenutzte Körperteil ist nämlich inzwischen der Hintern. (Nicht, dass es davor immer das Hirn gewesen wäre.)

Vom aufrechten Gang machen in der sehr philosophischen Ausstellung "Wokeness" (Galerie Lisa Kandlhofer) praktisch bloß die Besucher Gebrauch. Die zwischen den Arbeiten von Lindsay Lawson herumspazieren und sich dabei Gedanken machen. Darüber, wie real unsere Wirklichkeit ist. Oder ob das Handy uns zu Höhlenmenschen macht. (Zu platonischen Höhlenmenschen.) Und natürlich muss jemand die "Feuerstellen" kontrollieren: die lustig vor sich hin brennenden Sneaker. Oder das Kapperl. (Keramik plus Feuer.) Die Beherrschung des Feuers: die vielleicht wichtigste Kulturleistung überhaupt. Das finden die Raucher sowieso. Die könnten sich ja sonst keinen Tschick anzünden.

Die Objekte, kontemplativ, scheinen Winterschlaf zu halten. Rodins "Der Denker": Er meditiert in allen möglichen Variationen. Löst sich einmal in pure Erleuchtung auf (in Neonlicht). Homo sapiens, das ist übrigens nicht Lateinisch für "Intellektueller". Heute ist außerdem eh nimmer der Mensch der G’scheite, sondern sein Telefon. Das Smartphone. (Handy sapiens.) Ist der Denker 2.0 deshalb Feuer und Flamme dafür? Witzig: Die Flamme eines Streichholzes wirft keinen Schatten. Womit wir bei Platons Höhlengleichnis wären.

Gefangene halten dort Schattenspiele für die Realität. In Lawsons Version fallen sie auf die Virtual Reality im WWW rein. Entsprechend malt sie Picassos "Guernica" um. Nicht das komplette Leid des Krieges wird in ein Zimmer reingezwängt, nein, vielmehr die gesamte Menschheit. Und die wird von ihren Displays hypnotisiert. Als Publikum hat die Künstlerin im Realraum Stühle phantasievoll vermenschlicht. Mit Stiefeln, ihrer Lederjacke . . . Sogar im Skelett ist sie selbst präsent. (Es hat ihre Größe.) Komplexe Gedanken, die sich sinnlich materialisiert haben.

Galerie Lisa Kandlhofer
(Brucknerstraße 4)
Lindsay Lawson, bis 17. März
Di. - Fr.: 11 - 19 Uhr
Sa.: 11 - 16 Uhr





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-06 16:38:40
Letzte Änderung am 2018-03-06 17:26:05


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