Der Wienbezug der 1963 in London geborenen Rachel Whiteread begann 1995. Damals wurde sie als jüngste Beiträgerin von einer internationalen Jury gekürt, das Holocaust-Mahnmal am Judenplatz zu gestalten. 2000 wurde es eingeweiht, damals hatte die Künstlerin bereits den renommierten Turner Prize erhalten, ihr Land auf der Biennale in Venedig vertreten und galt als internationaler Superstar. Erst 18 Jahre später kommt eine viele Jahre vorgeplante Retrospektive in Kooperation mit der Tate Britain, der National Gallery of Art in Washington und dem Saint-Louis Art Museum ins Belvedere 21.

Die Hauptwerke der Künstlerin sind im zentralen Raum zu finden: am Eingang die "Twenty-five-spaces", mittig ihr "Room 101", die "Stairs" und teils gläsernen "Doors" bis zurück zu ihren Anfängen mit Matratzen wie "Amber Bed" oder Yellow Bed".

Harz & Gips

Nach Besuch des Polytechnikums Brighton und der Akademie in London entstanden ab 1988 Abgüsse von Wärmflaschen aus verschiedenen Materialien bis zum "Clear Torso" aus Kunstharz 1993. Die von Whiteread geschätzten Materialien, Kunstharz und Gips, neuerdings auch Papiermaschee, sind so lichtempfindlich, dass die Glasfronten verhängt bleiben müssen. Meist handelt es sich um Negativformen einfacher Gegenstände oder Räume, den Abguss eines Wohnraums ohne Wand (auch den einer Wärmflasche) oder den Leerraum unter Stühlen, Stiegen oder Rückseiten von Türen.

Diese Substanzgabe an etwas Substanzloses wurde oft mit Totenmasken verglichen. Durch die verhängten Fenster des Museumsraums steigert sich die Wirkung fast ins Klaustrophobische, was so stark wohl gar nicht beabsichtigt war. Ihre Arbeitsmethode wäre wegen der formal einfachen, aber thematisch komplexen Bezüge schon als "Minimalismus mit Herz" bezeichnet worden, verrät die Künstlerin. Nachsatz: Sie schätze diese Aussage zwar nicht besonders, aber an dem Spruch sei schon etwas dran, vor allem was ihre Vorbilder betreffe. So wie Donald Judd - der 1994 verstorbene Hauptmeister des Minimalismus hatte seine klaren Formen politisch verstanden und bezeichnete sie als Ordnung gegen das Kriegschaos.

Zudem ist bei frühen Arbeiten wie Whitereads schwarzem Schrank "Closet" (1988) die biografische Note nicht zu vergessen: Der Innenraum des Möbels diente ihr in der Kindheit als Versteck. Wie mit den körpernahen Wärmflaschen ist ein warmer Körper als Geist mitzudenken. So heißt auch eine wichtige Arbeit "Ghost" oder eine andere "Cell".

Im Fall von "House", einer Arbeit im Londoner East End aus Beton, goss die Künstlerin ein typisches altes Wohnhaus aus, das wegen Boden- und Immobilienspekulationen in den 1990er Jahren weichen musste. Diese dritte Inhaltsschiene ist eine sozialkritische, die sich durch das ganze Oeuvre zieht - Kurator Harald Krejci nennt die gewandelte philosophische Grundmaxime daher: "Existenz statt Ästhetik". Der Übergang in andere Sphären wird mit der Stirnwand von Abgüssen verschiedener Fenster und Tore, an Stelle der Glasfront des 21er Hauses, noch unterstrichen. Im Unterschied zu internationalen Retrospektiven, nimmt das Mahnmal in Wien auch in der Ausstellung mit Skizzen und Modell breiten Raum ein. Die Idee mit den Negativformen einer Bibliothek an den Seitenwänden, hat Whiteread schließlich auch für den englischen Pavillon in Venedig 1997 weiterverwendet.

Die Schau in Wien zeigt wenige Zeichnungen, Collagen und Fotografien und konzentriert sich auf Skulpturen. Im Eingangsbereich neben den vielfarbigen Harzen von "Twenty-five-spaces" hängen neueste Arbeiten aus Papiermaschee an der Wand: "Chicken Sheds" (2017) sind architektonische Fassaden mit besonderer Oberflächen, die Eigenkreationen der Künstlerin aus Papierabfall sind. An der Westseite des Oberen Belvederes ist eine weitere, rezente Arbeit von Rachel Whiteread aus Beton für den Außenraum zu sehen: "Chicken Shed" von 2017 ist wie das Mahnmal am Judenplatz ein Zwitter, eine "Archiskulptur" aus Beton, die dem ehemaligen Pfirsichgarten nun ein neues Gesicht gibt.