• vom 14.03.2018, 16:45 Uhr

Kunst

Update: 14.03.2018, 17:00 Uhr

Ausstellung

Der doppelte Boden der Einfachheit




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Von Judith Belfkih

  • Grelle Blicke in ein Meer von Abgründen: Die Albertina würdigt den Zeichner Keith Haring.

Frühe Kritik an der Digitalisierung: Keith Harings düsterer Blick auf den noch jungen Computer als gierige Raupe, die den Menschen kopflos und sich untertan macht aus dem Jahr 1983.

Frühe Kritik an der Digitalisierung: Keith Harings düsterer Blick auf den noch jungen Computer als gierige Raupe, die den Menschen kopflos und sich untertan macht aus dem Jahr 1983.© Keith Haring Foundation Frühe Kritik an der Digitalisierung: Keith Harings düsterer Blick auf den noch jungen Computer als gierige Raupe, die den Menschen kopflos und sich untertan macht aus dem Jahr 1983.© Keith Haring Foundation

Die abgegrenzten Schutzzonen der Museen und Galerien hat Keith Haring nie angestrebt. Die Straße, genauer die Subway-Stationen von New York waren viele Jahre sein künstlerisches Labor. Dort entwickelte der US-amerikanische Ausnahmekünstler Anfang der 1980er Jahre die für ihn typische Zeichensprache. Die gesichtslosen Strichfiguren mit den dynamisierenden Strahlen, das krabbelnde Baby, der Atompilz, das Spermium, der erigierte Phallus, der Hund, das omnipräsente Kreuz und das Goldene Kalb - es waren zwischen 5.000 und 10.000 illegale Zeichnungen, in denen Haring seine charakteristischen Piktogramme mit den organischen Formen ausdifferenziert hat. Gemalt mit Kreide auf die schwarzen Papierbögen der gerade nicht vermieteten Werbeflächen im New Yorker Untergrund, stets unter dem Risiko einer Verhaftung, stets als kritischer Kommentar zu aktuellen Geschehnissen.

Anarchie und Aktionismus

Information

Ausstellung
Keith Haring - The Alphabet
Albertina
Dieter Buchhart (Kurator)
16. März bis 24. Juni

Dieser immer politische, oft aktionistische und meist anarchistische Akt seiner Kunstproduktion zieht sich durch sein ganzes Schaffen - ebenso wie die Tatsache, dass es sich auch ob der klaren Formensprache bewusst an eine möglichst große Öffentlichkeit richtete. "Kunst ist nichts, wenn sie nicht jedes Segment des Volkes erreicht", war Haring überzeugt.

Die Albertina widmet dem 1990 verstorbenen Künstler anlässlich seines 60. Geburtstages nun eine umfassende Ausstellung - die erste in Österreich. "The Alphabet" ist der programmatische Untertitel der Schau, in der Kurator Dieter Buchhart mit 90 Werken versucht hat, die Entwicklung von Harings Zeichen- und Formensprache nachvollziehbar zu machen. Von den ersten noch abstrakten Werken 1978, in denen sich Harings spätere Piktopgramme erst andeuten, über frühe Zeichnungen mit Tusche und roter Sprayfarbe bis hin zu überfüllten dystopischen Wimmelbildern, die an Hieronymus Boschs apokalyptischen "Garten der Lüste" erinnern. Die Fröhlichkeit und Lebensbejahung, die Keith Harings grellen Farben und vitalen, dynamischen Sujets innewohnen, sie werden hier in jedem einzelnen der großteils nicht betitelten Werke seines kurzen, intensiven Schaffens kontrastiert: vom Blick in einen der zahlreichen menschlichen Abgründe und Abhängigkeiten, inneren Zerrissenheiten und äußeren Repressionen. Sie sind damit Ausdruck eines tiefen Humanismus und Signale gegen Gewalt und Unterdrückung.

Was allen Werken dieser Schau gemein ist - vom kleinformatigen Storyboard über die ägyptisch anmutende Vase und fluoreszierende Holzschnitz-Arbeiten in Neon bis hin zum 15 Meter langen Band: Sie alle zeichnen Keith Haring als wachen und kritischen Zeitzeugen aus. Die Mondlandung, die Ermordung von John Lennon, Rassismus, das Jonestown-Massaker, Bau und Fall der Berliner Mauer, die Präsentation des ersten PCs, die Schattenseiten der Kernkraft, die Ausgrenzung Homosexueller und die Stigmatisierung ihrer Sexualität durch das Aufkommen von AIDS - all diese Ereignisse seiner Lebenszeit finden Eingang in die Arbeit Harings. Die einzelnen Piktogramme, die er dabei verwendet, tauchen immer wieder auf, sind jedoch je nach Kontext neu und anders aufgeladen - ähnlich den erst im Zusammenhang Bedeutung erlangenden Buchstaben des Alphabetes, so der konzeptuelle Hintergedanke der Schau. Der Hund etwa kommt als zu bekämpfende Obrigkeit ebenso vor wie als tanzendes Sinnbild des Lebens. Das UFO kann für das Anders-Sein wie für den Weltraum stehen, der Penis Teil des ewigen Lebenszyklus sein, explizit Homosexualität bezeichnen und dabei freudvoll wie düster konnotiert sein. Das Strahlenbaby verweist auf Zukunft wie auf Vollkommenheit. Die leichte Verständlichkeit ist den Zeichen ebenso gemein wie ihre Doppelbödigkeit.

Haring war mit seiner universellen Zeichensprache auch hellsichtiger Analytiker: Sein düsterer Blick auf den noch jungen Computer als gierige Raupe, die den Menschen kopflos und sich untertan macht aus dem Jahr 1983, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür.

Düsteres Überwuchern

Auch die Verdichtung innerhalb von Harings Werk zeigt die Schau: von einzelnen isolierten Piktogrammen auf Lkw-Planen bis zur absoluten und flächendeckenden Überwucherung der Werke mit Zeichen. Diese späte Angst vor der Leere, vor dem Verschwinden, vor dem Nichts ist in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bereits geprägt von der sich tödlich ausbreitenden Aids-Epidemie, in Folge derer letztlich auch der 31-jährige Keith Haring und davor viele seiner Freunde sterben sollten. Schon vor seiner HIV-Diagnose 1988 nahm Haring sein eigenes Ende künstlerisch vorweg: mit eindringlichen wie verstörenden Menschengebilden mit sich verselbstständigenden Genitalien, aufgerissenen Körperöffnungen, Monsterspermien und fliegenden Totenköpfen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-14 16:50:59
Letzte Änderung am 2018-03-14 17:00:33


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