Am Sonntag, 18. März, feiert er seinen 90er und immer noch besteht Gustav Peichl auf der Zeichnung als Ideenskizze und erstem Denken auf dem Papier - der Computer hält ihm das Körperliche zu weit fern, von dem seine Häuser ausreichend haben: Jeder Architektur ihre erogenen Zonen, propagiert er. Folglich sollten die Bewohner gerne rein- und ungern wieder rausgehen. Der zittrige Strich seiner Skizzen passt eigentlich gar nicht zu dem scharfzüngigen Redner und Denker, Karikaturisten und Architekten - noch 2012 hat Peichl an der renommierten Harvard University unterrichtet, wie sein Kollege aus der Architekturklasse Clemens Holzmeisters, Hans Hollein, war er neben den USA auch Professor in Wien und Rektor der Akademie.

2013 schenkte Peichl dem MAK 8000 Skizzen, Konzepte und ausgeführte Pläne der in Österreich realisierten Bauten. Auch in Sachen Ausführung und gewonnener Wettbewerbe war er federführend: Im Gegensatz zu seinen Kollegen hat er in 50 Schaffensjahren 70 Bauten ausgeführt, seine Lieblinge dabei sind die Landesstudios des ORF, die er in der Ära Gerd Bacher errichtete, mit dem ihm eine besondere Freundschaft verband - als Karikaturist Ironimus machte er den strengen Intendanten zum Tigermischwesen. "Doppelgänger" Peichl ließ neben der Architektur die spitze Feder für Kommentare über das politische Geschehen nie aus der Hand, und so floss auch immer neben der Sinnlichkeit genügend Witz in seine Architekturideen ein.

Eigentlich ist schon seine typische Pose, der erhobene Zeigefinger, mit seinen Vorlieben für Turmbauten oder auch nur turmartige Aufsätze vergleichbar, die sich auch auf dem Messegelände im Prater finden. Die schwarze runde Brille, ein Markenzeichen seit Le Corbusier von vielen Architekten, verweist auf eine Vorliebe, die nicht vergessen werden darf - die kreisrunden Grundrisse mancher seiner Bauten oder Türme. Dazu kommen wellenförmige Dächer, oft begrünt und perfekt in die Landschaft einzubinden. Sogar sein Fertigteilhaus passt sich dem Rasen an. Manche Villen durchkreuzen Hügel wie Ozeandampfer. Er erklärt den Journalisten im MAK sofort, was gute Architektur ausmacht: Form, Funktion, Material, Farbe und Licht.

Dass er sich traute, auch Hochhaustürme zu bauen, und dazu in Wien, gilt natürlich vor allem für den letzten von 15 Bauten, die im MAK von der Ideenskizze bis zur Detailausführung im Kunstblättersaal dokumentiert werden: Den Millennium-Tower, den er gemeinsam mit Boris Podrecca geplant und errichtet hat. Das erste Gebäude war das eigene Wohnhaus in der Himmelstraße, 1962, gefolgt vom Rehabilitationszentrum Meidling und den Landesstudios ab 1972. Für die Bundeskunsthalle der Republik Deutschland in Bonn, den ersten Zubau zum Städel-Museum in Frankfurt und seine Berliner Bauten kommen Leihgaben aus der Akademie der Künste in Berlin, die weitere 3100 Blätter Peichls besitzt.

Seiner Liebe zur Zeichnung folgte auch die junge Fotografin Pola Sieverding, die mit körnigen Schwarzweißaufnahmen die sinnlichen Details seiner Bauten unterstreicht. Ihre Großformate sind um die ganzen Pfeilerhalle gehängt. Zudem ergänzen bekannte Filme und alte Fotografien diesen Ausschnitt des Lebenswerks in einem Schwenk.