• vom 22.03.2018, 16:55 Uhr

Kunst

Update: 22.03.2018, 17:04 Uhr

Ausstellungskritik

Unaufhaltsame Avantgarde




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Belvedere präsentiert zum Gedenkjahr die Ausstellung "Klimt ist nicht das Ende".

Jeno Barcsays "Rote Jungen (Arbeiter)" um 1928.

Jeno Barcsays "Rote Jungen (Arbeiter)" um 1928.© Museum of Fine Arts/Hungarian National Gallery Jeno Barcsays "Rote Jungen (Arbeiter)" um 1928.© Museum of Fine Arts/Hungarian National Gallery

Im Gedenkjahr der großen Toten klingt ein Titel wie "Klimt ist nicht das Ende" natürlich provokant. Obwohl es eine Tatsache ist, dass weder der Tod von Gustav Klimt noch jener von Egon Schiele die Avantgarde 1918 aufhalten konnte. Im Gegenteil: Der Erste Weltkrieg war vorbei und trotzdem Künstler aus der untergegangenen Donaumonarchie wie Jan Preisler in Prag an der Spanischen Grippe verstarben, gab es einen künstlerischen Aufbruch, der die neuen nationalistischen Grenzen nicht akzeptierte und erste gesamteuropäische Netzwerke entstehen ließ. Auch die neuen Stilrichtungen der Kunst wie Expressionismus, Konstruktivismus, der Aufbruch in die Abstraktion und internationalen Baustil sowie der Surrealismus waren durch traumatische Nachwehen des Krieges nicht aufzuhalten.

Narzisstische Beleuchtungen
Die Nachwehen sind in den narzisstischen Selbstbeleuchtungen von Anton Kolig, Alfred Wickenburg und Fritz von Schwarz-Waldegg wie in Franz Metzners "Der Zusammenbruch" gut nachzuvollziehen. Aber auch Ungarn, Tschechien, Rumänien und Ex-Jugoslawien schlossen sich diesem dunklen Tenor an. Kurator Alexander Klee ist Experte für die Kunst in Ländern der ehemaligen Donaumonarchie und verfolgt schon seit Jahren Biografien wie jene von Adolf Hölzel, Jószef Rippl-Rónai, Frantiek Kupka oder Wilhelm Thöny und Walter Trier wissenschaftlich durch ganz Europa. Blickt man auf Künstler wie László Moholy-Nagy ist auch das Bauhaus, seiner Meinung nach, eine typisch gesamteuropäische Einrichtung gewesen. Traumatisch waren allerdings viele Lebensläufe, verrät Klee der "Wiener Zeitung", denn nach dem großen Sterben 1914-1918 im Krieg oder an der Spanischen Grippe, folgen nach 1938 die furchtbaren Schicksale von Friedl Dicker-Brandeis oder Fritz Schwarz-Waldegg, die im Konzentrationslager enden.


Geistiger Mittelpunkt Europas
Ein Aufbruch nach 1918 mit politisch willkürlichen Grenzziehungen gegen künstlerische Offenheit und kosmopolitisches Denken lange vor World-Art, braucht daher auch die Karikatur vom guten Soldaten Schwejk Jarolslaw Haeks bis zu John Heartfields Hitlersumpf-Plakaten. Passend zur integrativen Wirkung durch neue Zeitschriften wie "Ma", "Zenit", "Integral" oder "Der Sturm", internationalen Themenausstellungen wie jener zur Theatertechnik durch Friedrich Kiesler in Wien 1924, vermochten die zur Peripherie gewordenen Städte Wien und Prag noch einmal zum geistigen Mittelpunkt Europas aufzusteigen. Auch die Russische Revolution stimulierte Tschechen und Ungarn wie Emil Filla, Josef Čapek, Lajos Kassák oder János Tábor, mit den Bauhäuslern wenigstens eine künstlerische Internationale auszurufen. Marcel Breuers und Friedl Dickers Stahlrohrstühle und Viktor Vasarelys innovative Plakatentwürfe sprechen wie die "Abstraction Création" und der Surrealismus in Paris ab 1930 von virulenten Künstler-Plattformen, die nach 1938 zerschlagen wurden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-22 16:59:54
Letzte Änderung am 2018-03-22 17:04:04


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