Es schien ihm doch fast ein bisschen peinlich zu sein. Bei der Präsentation von "The Director’s Choice" entschuldigte sich Klaus Albrecht Schröder beinahe für die "Anmaßung", eine subjektive Auswahl aus der großen Fotosammlung der Albertina getroffen zu haben. 120 Meisterwerke aus dem rund 100.000 Werke umfassenden Bestand des Hauses hat Schröder auserkoren. Sie reichen von der ganz frühen Phase der Fotografie über Porträts eines Heinrich Kühn und Bewegungsstudien eines Rudolf Koppitz bis zu verschiedensten Ausformungen der Street Photography, die in den vergangenen 20 Jahren verstärkt in den Sammlungsfokus gerückt ist. Und sie reichen von der Dokumentation der k.u.k. Hof- und Staatsdruckerei der Wiener Stadtbefestigung vor und nach ihrem Abriss in den 1850er Jahren bis zu "frechen", unbemerkt geschossenen Fotos eines William Klein von den Straßen New Yorks - wie die mehr als indigniert blickenden Damen in Pelz und Sonnenbrille beim Weihnachtseinkauf.

Dabei folgt die Schau nicht direkt einer Chronologie, sondern will eine Art Schule des Sehens sein. In der man dann lernt, dass schon Ende des 19. Jahrhunderts Alois Beer, ein k.u.k. Hoffotograf, Street Photography fabriziert hat - indem er mit einem kleinen Apparat Momentaufnahmen machte: etwa von einer Blumenverkäuferin in Paris 1910, die gerade in den Leiterwagen greift, um einen Kunden zu bedienen - was eine verblüffende Dynamik ergibt.

Vieles, das hier zu sehen ist, kennt man schon aus anderen Ausstellungen der Albertina. Rudolf Koppitz’ expressive Nackte, umrahmt von schwarzen Frauenfiguren, ist zum Beispiel so ein Dauerbrenner. Aber auch die Bordell-Aufnahmen von Brassai, die so intim-voyeuristisch daherkommen, bei denen aber bekanntlich nichts Zufall und alles perfekt inszeniert war.

Am Ende der Ausstellung hat Schröder noch einen Köder für die nächste große Foto-Ausstellung der Albertina ausgelegt, sie wird dem Österreicher Alfred Seiland gewidmet sein. Er hat sich - auf den Spuren der amerikanischen "New Color Photography" von William Egleston und Stephen Shore (auch in der Schau vertreten) - darangemacht, Kulturlandschaften der USA ins Bild zu rücken. Hier ein typisches Motel-Neonlicht in wenig einladender Einsamkeit.

Zu entdecken gibt es auch Fotografen, die sich als potenzielle zukünftige Ausstellungskandidaten anbieten würden, etwa die in Wien geborene Lisette Model. Ihre einerseits wie unangestrengte Nebenbei-Fotografie wirkenden Bilder aus New York, Paris oder Nizza, die immer einen gewissen sozialreportagigen Anspruch haben, verströmen eine beeindruckende Heutigkeit - wie die dicke Frau mit erhitzter Resignation und erschöpfter Skepsis im Blümchenkleid mit passendem Hut und Sneakers.

Alles in allem ist das wohl keine Schau, die einschlägig Interessierte besonders überrascht, aber ein guter Überblick für Einsteiger.

Ausstellung

The Director’s Choice

Albertina

bis 10. Juni