• vom 27.03.2018, 15:47 Uhr

Kunst

Update: 31.03.2018, 10:03 Uhr

Ausstellungskritik

Der Soziologe mit der Kamera




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Westlicht zeigt den Klassiker neusachlicher Fotografie: August Sander mit einem Porträt einer Gesellschaft.

August Sanders "Handlanger" (1928).

August Sanders "Handlanger" (1928).© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur - August Sander Archiv, VG Bild-Kunst August Sanders "Handlanger" (1928).© Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur - August Sander Archiv, VG Bild-Kunst

Mit "Antlitz der Zeit" stellte Fotograf August Sander (1876-1964) "sechzig Aufnahmen deutscher Menschen" 1927 in Köln vor. 1929 ist diese Serie als Teil von "Menschen des 20. Jahrhunderts" in einer Publikation erschienen, für die der bekannte Dichter Alfred Döblin ein Vorwort schrieb. Er nannte Sander den "Soziologen mit der Kamera" und dieses rar gewordene Fotobuch erreichte kürzlich in einer Auktion in New York den stolzen Preis von 15.000 Euro. Das Westlicht zeigt die Neuauswahl von 1963 erstmals in Österreich. Zu Lebzeiten wurde Sander bis auf den Kulturpreis für sein Lebenswerk durch die Deutsche Fotografische Gesellschaft 1961 zu wenig anerkannt, denn die Nationalsozialisten hatten wegen seiner internationalen Sichtweise das Buch 1936 verboten, 1944 wurde sein Atelier ausgebombt, sein ältester Sohn starb zudem in einem Gestapo-Gefängnis.

Dokumentation der Stände


1955 griff Edward Steichen mit seinem Fotoausstellungsprojekt "The Family of Man" im New Yorker MoMa auf Sanders Idee zurück, alle Berufsgruppen und Stände einer Epoche quasi sachlich zu dokumentieren, denn sie entsprach seinem modernistischen Konzept vor der Postmoderne. Heute wird die Methode einer Suche nach internationalen Kriterien über regionale Identitäten postkolonialer Kritik unterworfen, da der Blick von Europa und Deutschland ausging. Sander kann kein biologistischer oder rassistischer Aspekt in dem Konzept nachgesagt werden. Die nachfolgenden Antipoden wie die Fotografin Erna Lendvai-Dircksen haben aber umgestellt auf die "Blut und Boden"-Ideologie und den heimatlichen Blick auf die Scholle und den Bauern, ganz im Gegensatz zum demokratischen Ansatz Sanders.

Das bis 1964 vom Fotografen immer wieder neu geordnete Sozialporträt der Weimarer Republik ließ ihn seine Mappen mit Bezeichnungen wie "Großstadt", "Künstler" oder auch mit Beispielen der vielen Arbeitslosen und Existenzen am Rand der Gesellschaft als "Mappe VII. Die letzten Menschen" überschreiben. Da steht dann zwar unter einem zwergwüchsigen Menschen zeitgemäß "Kretin", aber Sander hatte immer die Umgebung sensibel mit einbezogen; bei den Zirkusartisten ihre Waggons, beim Konditormeister oder Handwerker ihre Werkstatt, die Inszenierung der Personen dauerte lange durch den Aufbau der Plattenkamera. Es handelt sich also nicht um "Schnappschüsse", sondern jedes Porträt wird von Haltung, Kleidung, Umgebung in natürlicher Beleuchtung ohne weiße Rückwand des Ateliers mitbestimmt.

Eines seiner ersten Konzepte für die veraltete Glasplattenkamera galt 1912 einer alten Frau in einem Korbsessel, dazu Bauern in schwarzem Sonntags- und Hochzeitsgewand, es folgten Arbeiter, Boxer, Tagelöhner, Proletarierkinder, die Tochter eines Fabriksarbeiters, ein Arzt, ein Corpsstudent mit Schmissen, aber auch ein Großindustrieller. Manche sind bekannt, auf eine Berliner Bildhauerin folgen bekannte Maler, Architekt Hans Poelzig und Komponist Paul Hindemith. Sander wollte die Fotografie mit diesem an sich offenen Langzeitprojekt als universelle Sprache vermitteln. Das unterscheidet sich nicht so sehr von heutigen Ansätzen mit anonymen Porträts. Vor allem Bernd und Hilla Becher mit ihrer Düsseldorfer Klasse für Dokumentarfotografie in den 1980ern haben Sanders serielle Gedankenkonzepte, egal ob es sich um Menschen oder Fabriksgebäude, Tankstellen oder Swimmingpools handelt, weitergegeben an Schüler wie Bernhard Fuchs.

Scheinbar Zufälliges
Im Westlicht wurde die Wiener Fotografin Hanna Putz (Jahrgang 1987) ausgesucht, um mit ihren unkonventionellen Porträts von Freundinnen und Sportlern, im Kleinformat, zuweilen beschnitten und in Farbe gegensätzlich zu Sanders großem Schwarzweißformat, mit ihrer Serie "Porträt nach S." auf diese heute bekannten neusachliche Vorgabe zu reagieren und ihre Zeit in Fotokunst zu fassen. Dabei spielen Geschlechter und Berufe keine so große Rolle bei Posen, Kleidung und Inszenierung mehr. Scheinbar Zufälliges, Alltägliches und stark Antiheroisches trifft auf ein konstruiertes Ganzkörperporträt ihrer Kollegin Verena Dengler, die mit einem Staubsauger nebst Palette eine seltsame Symbiose eingeht.

Ausstellung

August Sander. Porträt einer Gesellschaft/Hanna Putz. Porträt nach S.

Westlicht

Bis 20. Mai




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-27 15:50:58
Letzte Änderung am 2018-03-31 10:03:43


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