• vom 08.04.2018, 13:00 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Psychologie und Tabubruch




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum präsentiert Anton Romako als einen Wegbereiter der Moderne in Wien.

Aufsehenerregende Schlachtbilder: Anton Romako: Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Zenka (1697), 1880/82. - © Belvedere, Wien

Aufsehenerregende Schlachtbilder: Anton Romako: Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Zenka (1697), 1880/82. © Belvedere, Wien

Nach 25 Jahren bekommt der Experimentator der Malerei des ausgehenden Historismus, Anton Romako (1832-1889), im Leopold Museum eine Personale, passend zum Gedenkjahr 1918, gab er doch stärker als sein erfolgreicher Zeitgenosse Hans Makart die Initialzündung in Richtung Moderne. Er beeinflusste Egon Schiele und vor allem Oskar Kokoschka, nicht nur durch seine nervöse Strichführung, psychologische Beobachtung und besondere Farbgebung machen ihn zum Vorläufer impressionistischer wie expressionistischer Tendenzen, was schon Hans Tietze oder Fritz Novotny als Kuratoren der österreichischen Galerie früh entdeckten.

Die neben dem Belvedere größte Sammlung von Bildern des Künstlers besitzen das Museum und die Familie Leopold, und der Impetus, dieses Werk endlich international neben Erneuerer wie Gustave Courbet zu platzieren, ist durchaus gerechtfertigt. Kuratorin Marianne Hussl-Hörmann hat mit 12 zusätzlichen Gemälden aus der Sammlung Leopold II und mit wichtigen Leihgaben einen chronologischen Überblick geschaffen, der im mittleren Raum durch die wichtigsten Themen Romakos, nämlich Porträt, Genrebild und Landschaft, unterbrochen wird. Die letzten 14 Jahre des Künstlers in Wien haben ihn nicht nur der Kritik ausgesetzt, sondern stehen auch für sein aus dem damaligen Zeitgeist entfernten Weg der verrückten Wirklichkeit, einem eigenwilligen Abschied vom Realismus zu gegensätzlichen Stilprinzipien. Das schwierige Leben des Künstlers nach seiner Ausbildung als Historienmaler in Wien und München - Carl Rahl und Wilhelm von Kaulbach waren die Lehrer - begann vielversprechend in Italien.

Information

Ausstellung

Anton Romako

Leopold Museum, bis 18. Juni

In Venedig lernte er die Kunst des Aquarells von Carl Werner und danach blieb er 1856 bis 1876 in Rom. Er verkaufte seine Porträts und Genrebilder gut; Hirten, Bauernmädchen und Fischerjungen, Idyllen in der südlichen Landschaft verbinden Barockes mit den beliebten Genremalern Italiens. Mit seiner Frau aus vermögendem Haus und fünf Kindern verbrachte er bis zu seinen Abweichungen von der malerischen Norm einige glückliche Jahre. Der Wechsel zu einem subjektiveren Ausdruck, von einem befreundeten Bildhauer als Malerei in "rücksichtsloser Weise" bezeichnet, führte zu Misserfolg und dem Scheitern seiner Ehe, Sophie Köbel ließ ihn mit fünf Kindern sitzen. Die Armut wurde durch die ab 1871 eintretende nationalistische Haltung der Künstler in Rom als neuer Hauptstadt eines vereinten Königreichs Italien unerträglich, da internationale Klientel ausblieb. 1876 kehrte Romako nach Wien zurück.

Alles psychedelisch

Die wenigen Förderer konnten die Familie nicht über Wasser halten. Nach dem Tod seines Bruders und dem Selbstmord zweier Töchter geriet er in anhaltende Not. Auf seine kompromisslose Haltung in der Malerei hatte dies Einfluss, er wurde zum ersten psychologisierenden Porträtisten in dieser nervösen Epoche mit großen Umbrüchen. Neben dem expressiven Strich steigerte er die Farben in eine Art Psychedelik. Gegensätze wurden stärker, was das Bildnis der Isabella Reisser fast zur Karikatur macht, durch sein Experiment, ihr Lächeln einzufrieren.

Aufsehen erregte er durch das ungewöhnliche Historienbild "Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa" 1882 und die Schlachtenbilder zu Marc Aurel und Prinz Eugen von Savoyen, die Außenseiterrolle unterstreichen seine Landschaften.

Am meisten fasziniert heute seine absurde Theatralik von "Odysseus vor Circe" 1884/5, da sie den Helden opernhaft schmälert und die Zauberin über ihn und Ziegen triumphieren lässt. Die Frage der unbewussten oder absichtlichen Schärfe am Rande der Karikatur und ein weiterer Tabubruch, der Romako bis in die Postmoderne hochinteressant macht, die Grenze zum Kitsch, beantworten die Katalogautoren nur ansatzweise: Ohne Zweifel sind Themen wie die Geierwally, das "Zigeunergenre" und manches süße Kinderbildnis, aber auch "Fishing for Love" und andere Traumbilder ganz im Gegensatz zu seinem protoimpressionistischen Familienbildnis mit diesem brisanten Phänomen verbunden.





Schlagwörter

Ausstellungskritik, Romako

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-06 16:09:04
Letzte Änderung am 2018-04-06 17:05:37


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