Vergangenen Herbst wurde eine 3D-Replika von Jeff Koons Plastik "Balloon Dog" im New Yorker Central Park ausgestellt. Das Besondere daran: Sie war nicht im physischen Raum, sondern lediglich in der erweiterten Realität zu sehen, in einer um 3D-Elemente angereicherten Realitätsebene, die sich wie eine Folie digital vor die Wirklichkeit schiebt. Die virtuelle Skulptur erschien nur auf den Bildschirmen von Snapchat-Nutzern, die sich mit ihren Smartphones dem Park näherten. Die Schau war somit ein exklusives Vergnügen. Wie bei der Spiele-App Pokémon Go sah man Menschen durch den Central Park laufen, die mit Smartphones Kunstobjekte abriefen. Das Handy wurde zum mobilen Museum. Snapchat hatte zuvor mehrere digitale Versionen von Koons Kunstwerken kreiert und sie mit geografischen Koordination (Geotags) versehen, sodass sie Nutzer an Sehenswürdigkeiten wie dem Londoner Hyde Park oder der Oper in Sydney sehen können.

Koons polarisiert mit seiner als kommerziell verschrienen Kunst schon im realen Raum, doch zumindest für den analogen Flaneur war der Central Park Koons-freie Zone. Im Übrigen fügte sich das Sujet - das Auktionshaus Christie’s versteigerte die orangefarbene Version des "Balloon Dog" für 58,4 Millionen Dollar - recht gut in die Skyline von Manhattan im Hintergrund. Dennoch nahmen einige Anstoß an dem bombastischen virtuellen Kunsterlebnis. Der chilenische Künstler Sebastian Errazuriz und sein Team vom CrossLab Studio in New York kreierten eine eigene, mit Graffiti beschmierte Version des "Balloon Dogs" und platzierten es mittels identischer Geokoordinaten an derselben Stelle der Snapchat-Version. Es war der erste Fall von virtuellem Vandalismus. Der Künstler hätte den "Balloon Dog" auch im Handumdrehen verschwinden lassen können, indem er einfach eine grüne Fläche über die Skulptur gelegt hätte, doch entschied er sich für einen minimalinvasiven, aber umso wirksameren Eingriff.

Mit der subversiven Aktion wollte der Künstler seinem Protest gegen die Dominanz der Marken Ausdruck verleihen - das Feld der erweiterten Realität dürfe man nicht einfach den Technologiekonzernen überlassen. "Sollte man Konzernen erlauben, jegliche Inhalte, die sie aussuchen, in unserem digitalen öffentlichen Raum zu platzieren?", fragte Errazuriz rhetorisch. "Warum sollten Konzerne die GPS-Koordinaten umsonst mit Geotags versehen?" Man müsse fragen, wie viel virtuellen Raum man privaten Konzernen zur Verfügung stelle. Der Central Park gehöre der Stadt New York, und die Konzerne sollten wie im physischen Raum für Werbetafeln Geld bezahlen, fordert Errazuriz.