• vom 12.04.2018, 17:22 Uhr

Kunst

Update: 26.04.2018, 08:55 Uhr

Ausstellungskritik

Lichtschimmer aus dem Dunkel




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum präsentiert eine große Zoran Mušič Ausstellung: "Poesie der Stille."

Inhaftiert in Dachau: Mit der Bildserie "Wir sind nicht die Letzten", 1976, wurde Zoran Mušič bekannt.

Inhaftiert in Dachau: Mit der Bildserie "Wir sind nicht die Letzten", 1976, wurde Zoran Mušič bekannt.© Bianconero di Vittorio Pavan Inhaftiert in Dachau: Mit der Bildserie "Wir sind nicht die Letzten", 1976, wurde Zoran Mušič bekannt.© Bianconero di Vittorio Pavan

Vor 20 Jahren waren in der Wiener Albertina und der Sammlung Essl in Klosterneuburg die letzten Personalen zum Werk des wohl bekanntesten Malers Sloweniens, Zoran Mušič (1909 - 2005), zu sehen. Damals lag der Schwerpunkt auf der bekanntesten Werkgruppe des Künstlers, "Wir sind nicht die Letzten", die ab 1970 in Erinnerung an seine Internierung 1944/45 im Konzentrationslager Dachau entstanden sind.

Nun versucht sich das Leopold Museum in einer großen Retrospektive von den Anfängen des in Görz (damals noch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) geborenen Einzelgängers, über seine Zeit in Österreich (Steiermark und Kärnten) bis nach Paris und Venedig. Auch wenn der Begriff Retrospektive - wie Kurator Ivan Ristić betont - sonst eigentlich nur zu Lebzeiten von Künstlern verwendet wird. Sein Ko-Kurator Hans-Peter Wipplinger beschäftigt sich seit der Diplomarbeit mit Mušič, da dieser in Europa eigentlich nur mit Francis Bacon und Lucian Freud vergleichbar, die Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Neuen Medien, Minimalismus und Performance weiter vorantrieb.

Archetypen

167 Gemälde und Papierarbeiten kommen aus internationalen Sammlungen, ein großer Teil aus dem Atelier in Venedig, das seine Witwe Ida bis zu ihrem Tod im Jänner betreute.

Über sieben Jahrzehnte spannt sich der Bogen, der abgesehen vom traumatischen Erlebnis der Internierung, in Sachen Malerei eine Entwicklung zeigt, die mit dem Versuch in Paris um 1960 auch die Abstraktion mit voranzutreiben, ganz typisch für das 20. Jahrhundert ist - mit allen Brüchen und spannenden Einflusssphären. Trotzdem ist der Stil Mušičs eigenwillig, getragen von frühen Einflüssen aus Spanien, die ihn bereits mit der kargen wüstenhaften Landschaft um Madrid konfrontierten, die wie der Karst dann sein zweites Lebensthema neben Menschen- und Pferdedarstellungen wurde.

Er kopierte El Greco und Francisco de Goya, seine "Badenden" lassen Paul Cézanne spüren, in der Druckgrafik griff er soziale Themen in der Schärfe von Otto Dix und George Grosz auf. In Zagreb hatte ihm sein Akademie-Lehrer, ein Schüler Franz von Stucks, diese Reise empfohlen, danach folgten in Venedig und Dalmatien bukolische Landschaften und pastellige Stadtbilder - sie weisen schon auf später. Mit dem Verdacht auf Spionage von der Gestapo 1944 in Dachau interniert, konnte Mušič vor Ort auf etwa 200 kleinen Zeichnungen, von denen nur etwa 20 erhalten sind, das schreckliche Geschehen im Lager festhalten: Nachdem die Kohle zum Befeuern der Krematorien ausging, stapelten sich die Leichenberge. Diese traumatischen Bilder haben ihn nie mehr verlassen - etwa 17 Originaldokumente auf Packpapier sind in einem abgedunkelten Kabinett zu sehen.

Nach seiner Rückkehr konnte der Künstler bis 1956 nicht nach Jugoslawien zurück. Daher ging er zunächst nach Venedig, versuchte den Neuanfang mit kleinen Veduten, Schiffen und Porträts - vor allem seiner frisch angetrauten Frau Ida. Pferde als Archetypen der Kunst seit der Höhlenmalerei, mit ihren Reitern samt Schirmen in zart angedeuteten dunstigen Gegenden folgten und auch die Hügel Dalmatiens, der Toskana und Umbriens wirken wie Erinnerungen, haben etwas von arkadischen Anklängen und trotzdem ist die Dürre der Landschaft und auch der Pflanzen immer mit zu Staub zerfallender Materie verbunden. Viele sich zum Ornament verbindenden Landschafts-Archetypen haben mit der archaischen Kunst der Minoer in Kreta zu tun, also eine Metamalerei zweifacher Erinnerung.

Schreckenslandschaften

Die traumatischen Bilder aus Dachau ließen ihn nicht los und sie sind, parallel zum Vietnamkrieg, in seiner wohl bekanntesten Serie "Wir sind nicht die Letzten" 1970 - 1987 in Acryl, Aquarell und Pastell auf Leinwand und Papier gebannt. Die zu Bergen und Türmen gestapelten Körper in reduzierter Farbe auf Jute ohne Grundierung sind Schreckenslandschaften. Bei seiner nebeligen Reduktion blieb Mušič dann auch 1980 bis 2000, als er Venedig, Paris und immer wieder sich selbst in seinem Altersverfall, aber auch in poetischen Doppelbildnissen mit seiner Frau, festhielt.

Ausstellung

Zoran Mušič. Poesie der Stille.

Leopold Museum, bis 6. Aug.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 17:27:19
Letzte Änderung am 2018-04-26 08:55:04


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