• vom 17.04.2018, 18:14 Uhr

Kunst

Update: 17.04.2018, 19:10 Uhr

Ausstellung

Beschwörung unendlicher Netze




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die MAK Galerie zeigt einen Dialog der Künstlerin Adriana Czernin mit Moschee-Fragmenten.

Adriana Czernin: Untitled, 2017.

Adriana Czernin: Untitled, 2017.© Courtesy Galerie Martin Janda, Wien Adriana Czernin: Untitled, 2017.© Courtesy Galerie Martin Janda, Wien

Im Zuge der Forschungen zum Ornament hat MAK-Kurator Johannes Wieninger 2014 nach längerer Beobachtung der Arbeiten Adriana Czernins zu in Ornamenten verstrickten Figuren einen Beitrag für das Design-Labor erbeten. Dabei stieß die Künstlerin auf eine Rosette aus Fragmenten, die aus der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo 1867 auf der Weltausstellung in Paris auftauchten, danach über den Kunsthandel ins Victoria & Albert Museum und 1892 durch Direktor Arthur von Scala in 27 Einzelteilen auch ins Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) gelangten. Sie wurden museal in einer Rosette kombiniert als Hauptwerke der Mamelukenzeit mit den berühmten Teppichen aus habsburgischem Besitz ausgestellt.

Czernin hat die Rosette nun aufgemacht und frei in eine ornamentale offene Struktur als eigentliche Fragmente kombiniert. Die Ambivalenz dieser Ornamentteile, die in einem Stecksystem in Holz geschnitzt auf dem Minbar, genauer den Treppen zur Kanzel 1292 seitlich montiert wurden, haben die Künstlerin nicht mehr losgelassen. Seit vier Jahren hat sie sich intensiv mit der unendlichen Entfaltungsmöglichkeit solcher Ornament-Geometrie, die gleichzeitig aber auch eine Einschränkung künstlerischer Freiheit bedeutet und damit einengend wirkt, gewidmet. Die Aggression und Angst auslösende Wirkung der positiven Faszination eines ins Unendlichen erweiterbaren Formgefüges kann somit auch auf totalitäre Systeme politisch übertragen werden.


Adriana Czernin wurde 1969 in Sofia geboren, sie lebt und arbeitet seit 1990 in Österreich und fiel schnell nach Absolvierung der Klasse für freie Grafik an der Angewandten durch ihre bunten Ornament-Netze auf, in die sie meist weibliche Körper einschloss. Dabei verwendete sie eher künstliche Farben aus der Pop-Art, um das alte Ornament in eine neue trashige und somit zeitgemäße Konzeption zu übertragen. Das fiel auf: Über renommierte Galerien und Museumsausstellungen kamen ihre aufwändig gestalteten Blätter schnell in die Sammlungen von Albertina, Belvedere, Lentos und MAK.

Das teils floral, teils geometrische Ornament aus der wichtigen Mamelukenzeit in Kairo von 1296 hat Sultan Lagin bestellt, der diese Moschee aus dem 9. Jahrhundert restauriert und den Minbar auch als Schutz seiner Person mit Holz und Stein-Einlegearbeiten kostbar verzieren ließ. Die Kanzel, die auch als "Thron Mohammeds" gilt, ist an sich Zentrum einer Moschee, diese war die kostbarste weltweit. Sie schützte den Herrscher nicht vor der Ermordung wenige Jahre später, durch ihre Fragmentierung in kolonialen Zeiten im 19. Jahrhundert gilt sie in Europa nach wie vor als eines der bedeutendsten Beispiele ägyptischen Kunstgewerbes.

Wieninger warnt dabei vor der Verwendung des kolonialen Begriffs "islamische" Kunst, da das Ornament von einem Mamelukenherrscher stammt und kein religiös bestimmtes ist. Czernins Vorstellung von einem Hauptwerk dieser Kunstepoche war anders - sie sah primär das Fragmentarische, deshalb hat sie die 27 Originalteile nach ihrer großformatigen Nachzeichnung 2014 nun auf eine zweite Ornament-Konstruktion mit wichtigen geometrischen Auslassungen als Fragment montiert. Dem stellt sie ihre intensive Auseinandersetzung in neuen freien Nachvollzügen dieser faszinierenden Gitterraster gegenüber.

Strenge und Freiheit
Der west-östliche Diwan erweitert sich zudem auf eine freie Wandmalerei mit einer Ornamentschlaufe, ihrer ersten. Sie reflektiert als heutige Künstlerin natürlich stark auf die Fragen um die Abstraktionsdebatten des Westens im 20. Jahrhundert wie in drei großformatigen Beispielen und einer Reihe von Skizzen zu sehen.

Die Ibn-Tulun-Moschee hat ihre figürlichen Elemente vertrieben und damit ihren künstlerischen Weg in eine neue Richtung gelenkt. Einen intensiveren Dialog - Sternstunde in Sachen Ornamentfragen - kann sich ein Museum mit einer Gegenwartskünstlerin kaum wünschen. Die derzeit virulente Wiederentdeckung des Ornaments zeigt sich auch im Beitrag der amerikanischen Künstlerin Elaine Reichek in der neuen Secessionsausstellung.

Ausstellung

Adriana Czernin. Fragment Johannes Wieninger (Kurator) Mak-Galerie bis 30. September




Schlagwörter

Ausstellung, MAK, Adriana Czernin

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-04-17 18:21:16
Letzte Änderung am 2018-04-17 19:10:15



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