• vom 25.04.2018, 07:30 Uhr

Kunst


Ausstellung

Osterweiterung mit Grillhendl




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Von Christina Böck

  • "Die Neunziger Jahre": Das Musa zeigt die Wiener Kunstszene einer spannenden Ära.

In den 90ern ein Geheimtipp, heute ein Star, den unter anderen die Albertina ausstellt: Stillleben von Martha Jungwirth.

In den 90ern ein Geheimtipp, heute ein Star, den unter anderen die Albertina ausstellt: Stillleben von Martha Jungwirth.© Wien Museum In den 90ern ein Geheimtipp, heute ein Star, den unter anderen die Albertina ausstellt: Stillleben von Martha Jungwirth.© Wien Museum

Es war ein Jahrzehnt, das mit Aufbruchsgefühlen begann und mit Terror endete: 1989 fiel der Eiserne Vorhang und 2001 fielen die Türme des World Trade Centers. In diesem Spannungsfeld haben sich die 90er Jahre aufgefächert. Der Frage, wie diese Ära sich in der Wiener Kunstszene niedergeschlagen hat, geht eine Ausstellung im Wiener MUSA nach.

Das Ende des Kommunismus ist denn auch eines der prägendsten Momente für die Kunst der 90er. Leander Kaisers Gemälde "Die Tribüne des Redners" ist da fast schon das plakativste Exponat: Man sieht den Schatten eines Mannes ein Pult verlassen, darum drapiert sind rote Fahnen und Stoffbahnen. Die neue geopolitische Situation Wiens und Österreichs - plötzlich war man wieder im Herzen Europas und nicht Grenzwärter - fließt aber auch subtil in das Kunstschaffen ein. Etwa dadurch, dass Künstler zuwandern, wie die Fotografin Anna Jermaloewa, ein Shootingstar jener Jahre. Sie ist in der Ausstellung mit ihrem "Hendl-Tryptichon" vertreten: Videos von drei unterschiedlichen Grillhuhnspießen, die sich meditativ, aber erfrischend unsynchron ins Röstbraune drehen.

Information

Ausstellung

Die Neunziger Jahre

Musa Wien Museum,

"Ein Wiener Diwan", ab 25. April. "Subversive Imaginationen" ab 12. Juli, "Mobile Kunst im mobilen Markt" ab 11. Oktober.

Kuratoren: Brigitte Borchhardt-
Birbaumer, Berthold Ecker

Fremdes Wien

Lisl Ponger wiederum hat mit ihren Fotos "Das fremde Wien" Einwanderungsgeschichten dokumentiert - in der Ausstellung sind zwei stolze Musiker mitsamt Instrumenten zu sehen. Im Dialog damit stehen zwei Künstler, die nicht so berühmt sind, aber dasselbe Feld beackert haben: Mehmet Emir zeigt auf der Fotoserie "Gastarbeiter" etwa einen freundlichen Türken im Rosengarten, Sieglind Gabriel lokalisiert mit ihrem verschatteten Foto von einem Sesamringregal mit türkischer Beschriftung Istanbul in der Wiener Brunnengasse.

Auch die andere Seite, die aufflammende Fremdenfeindlichkeit, findet Niederschlag in der Kunst. Norbert Siegl hat ein Graffiti festgehalten, das da lautet: "Wien darf nicht St. Pölten werden!" Daneben ist eine Intervention auf einem FPÖ-Plakat für Helene Partik-Pablé zu sehen. Da wurde aus dem versprochenen Verstehen der Sorgen der Wiener "Ich sehe nur orge Wiener". Auch Julius Deutschbauer ist mit einem seiner Plakate vertreten, die ihn selbst zeigen, hier mit hoppertatschigem Typografie-Layout des Satzes "Natürlich bin ich ge-gen Rassismus" und Mohnblumen im Goldrahmen.

Die Wiener Kunst beschäftigte sich aber in den 90ern auch oft und gerne mit sich selbst, konzeptuelle Ansätze werden immer wichtiger. Der Skulpturbegriff wird breiter, wie einerseits eine Videoskulptur von Kurt Lang zeigt, die Aufnahmen aus der U-Bahn - vom Perron über die Rolltreppe bis zum Blick aus der fahrenden Bahn - als Perpetuum Mobile wiederholt. Und andererseits zwei geschnitzte Skulpturen aus Holz, ein Selbstporträt von Karin Frank mit roter Wollstrumpfhose und eine Mutter-Kindfigur von Elisabeth von Samsonow, die als Kontrast zum archaischen Holz dem Kind eine rosa Plastikkette umgelegt hat.

In der Malerei sind Figuratives und Abstraktes gleichberechtigt, wie in einer Ecke der Schau demonstriert wird: Max Boehme abstrahiert zerlegte Hendlteile, während bei Alois Mosbacher die Hühner noch durchaus als solche erkennbar ein unzerteiltes Leben führen.

Rote Secession

Für die Wiener Kunst der 90er Jahre war auch von Bedeutung, dass das Jahrzehnt einen Boom der neuen Kunstinstitutionen brachte - vom Museumsquartier mit der Kunsthalle bis zur Generali Foundation. Und auch die alten Kunsthäuser sorgten für Furore, wie die Secession, die nach Marcus Geigers Idee errötete - und sich hernach auch in Arbeiten vieler Kollegen niederschlug.

Dieses Event ist aber erst in einem der weiteren zwei Aufzüge der Schau zu sehen, die wegen der Fülle (zur Auswahl standen anfangs 4000 Arbeiten) auf drei Teile aufgeteilt wurde. Das neue In-die-Mitte-Rücken Wiens in einem 90er-Jahre-Europa hat dem ersten Akt den Titel "Ein Wiener Diwan" beschert. Der zweite Teil widmet sich dem Kitsch, der dritte dem Kunstmarkt, der ein turbulentes Jahrzehnt erlebte.





Schlagwörter

Ausstellung, Kunst, Musa, 90er

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-24 16:48:29
Letzte Änderung am 2018-04-24 17:17:14


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