Vertritt Österreich 2019 bei der Kunstbiennale in Venedig: Renate Bertlmann. - © apa/Georg Hochmuth
Vertritt Österreich 2019 bei der Kunstbiennale in Venedig: Renate Bertlmann. - © apa/Georg Hochmuth

Wien. Die älteste Großausstellung weltweit begann 1895 in Venedig. Bis heute hat Österreich keine Künstlerin alleine zur Konzeption des Pavillons von Josef Hoffmann ausgewählt. Ein Versäumnis, andere Länder hatten das längst. Künstlerinnen mussten sich bis heute die Räume mit bis zu drei Kollegen teilen. Zuletzt war die Gegenüberstellung Brigitte Kowanz - Erwin Wurm 2017 auch nicht wirklich befriedigend. Wie Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein schon bei ihrer Kür im Herbst bemerkte, sind so große Namen marginalisiert worden. Nun ist mit Dritteln und Vierteln Schluss und die erste Künstlerin, die nächstes Jahr ein Konzept ohne Einschränkungen vorlegen kann, ist Renate Bertlmann.

Eine sehr gut überlegte Entscheidung, denn die äußerst verdienstvolle, breit angelegte künstlerische Position von Renate Bertlmann wurde in den letzten vier Jahren international entdeckt und ihre Beiträge und Personalen in London sorgten seit 2014 für Aufsehen. Davor hatte die Künstlerin aber dreißig Jahre Durststrecke - nach kurzem Hype in den 1970er Jahren mit Einladungen nach New York und in deutsche Museen, wo sie ihre wichtigsten Performances zeigte, hat sie nicht nur einen feministischen Kampf hinter sich gebracht.

Es klingt unglaublich, aber bis vor etwa zehn Jahren fand sich in Wien keine Galerie, die ihre provokanten Arbeiten ins Programm nehmen wollte. Das lag sicher am ironischen Impetus ihrer Werke, die zur Aufdeckung patriarchaler Strukturen zwei Mittel verwenden, die Tabus berühren: Das eine ist die Sexualität und unser Umgang damit, das zweite der Kitsch als politisches Statement. Diesem Thema widmete sie in den neunziger Jahren ein Symposium im Umfeld der Wiener Vorlesungen.

Die 1943 in Wien geborene Künstlerin war in den 1970ern in der aufstrebenden Szene feministischer Performerinnen mit ihren gesellschaftspolitisch enorm kritischen Arbeiten bereits neben Valie Export über einen internen Kreis hinaus bekannt. Export zeigte sie in ihrer Ausstellung 1975 in der Galerie nächst St. Stephan, in "Magna Feminismus. Kunst und Kreativität". Bertlmann unterrichtete damals an der Akademie und arbeitete auch immer wieder mit Kolleginnen im Team zusammen, zum Teil mit der Gruppe der IntAkt-Künstlerinnen, in der sich viele den Neuen Medien und der Performance widmeten. Sie performte, machte aus den Relikten der Performances Objekte mit Schnullern und Latexbrüsten, Sexpuppen und vielen anderen ungewöhnlichen Materialien wie Strass, Flitter und Tüll. An Finger montierte Messer zeigten ihre unzarte Gegenwehr, die Rollstühle für Bräute das Arbeiten an der Peinlichkeit.

Alltagskitsch der Postmoderne

Zudem dienten ihr Fotografie und Video für eigene Serien und Themenschwerpunkte, die auf patriarchale Muster oder den Alltagskitsch der Postmoderne reagierten. Wie Louise de Bourgeois ihren Phallus "Fillette" platzierte Bertlmann ihre teils goldenen "Stammhalter" in Vitrinen. In einem Jahr, am 9. Mai 2019, wird in Venedig eröffnet, das umstritten niedrige Budget wurde um 50.000 auf 450.000 Euro aufgestockt, trotzdem müssen noch 260.000 Euro durch Sponsoren hereinkommen, um vor Ort eine Lösung zu finden, von der sich Kuratorin und Künstlerin erwarten, dass sie "ästhetisch und konzeptuell riskant" wird, gesellschaftspolitische Relevanz hat und herausfordernd bis verstörend auf ihr Publikum wirken wird.

Es kann angenommen werden, dass Bertlmann, die zuweilen bedauert, dass ihre ganz großen Erfolge erst jetzt kommen, diese Herausforderung bravourös meistert. Kunstminister Gernot Blümel meinte, das Risiko durch Kunst-Tabus hierzulande im Gefängnis zu landen sei zwar gering, aber er sei gespannt. Da Bertlmann mit einem Zitat von Ingeborg Bachmann - "Die Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung" - von 1964 auf die Nominierung reagierte, dürfen wir alle gespannt sein. Jedenfalls ist der Kitsch ab dieser Wahl Teil der Kunstgeschichte.