• vom 15.05.2018, 17:15 Uhr

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Update: 15.05.2018, 17:29 Uhr

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Wird sie sie heilen oder opfern? Marina Abramović als Priesterin im Leuchtkasten ("Miracle 4", 2018).

Wird sie sie heilen oder opfern? Marina Abramović als Priesterin im Leuchtkasten ("Miracle 4", 2018).© Marina Abramović Archives Wird sie sie heilen oder opfern? Marina Abramović als Priesterin im Leuchtkasten ("Miracle 4", 2018).© Marina Abramović Archives

Zahlen sind unberechenbar

(cai) Kunst und Mathematik. Da geht’s natürlich nicht um "Malen nach Zahlen". Na ja, irgendwie doch. Oder eigentlich wird hier mit Zahlen Kunst gemacht. (Galerie Crone.) Muss ich jetzt also schon gut im Kopfrechnen sein, wenn ich mir ein Bild ansehen will? Nein, warum? Rechnen, das kann eh die Rechner-App auf meinem Handy.

Information

Galerie Crone Wien
(Getreidemarkt 14)
"Rechnen Sie nicht mit mir"
Bis 26. Mai
Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Galerie Krinzinger
(Seilerstätte 16)
Marina Abramović
Bis 9. Juni
Di. - Fr.: 12 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr

Oh, wie die Zeit vergeht. Hanne Darboven veranschaulicht das konzeptuell. 1998 lässt sie die Zeit einen ganzen Monat lang verstreichen. Als täglich wachsende Linie. (Die Quersumme des Datums.) Und gedenkt auf den 31 Kalenderblättern zugleich der Vergangenheit. Mit einem historischen Foto. He, Moment! Die Quersumme vom 31. 7. 98 ist nicht 55 (31 + 7 + 9 + 8), sondern 28 (3 + 1 + 7 + 9 + 8)! Tja, der Titel der Ausstellung lautet halt "Rechnen Sie nicht mit mir" und nicht: "Rechnen Sie nicht nach." Oder ist der Rechenfehler künstlerische Freiheit? Damit die Zeitlinie richtig lang wird? Fehlerfrei hat dafür Andreas Straub auf seiner Lochtafel ein Geburtsdatum codiert. Gleich neun Mal hintereinander. Mit baumförmigen Steckelementen. (Ein Bepflanzungsplan in Wahrheit?) Variantenreich setzt er sein System aus spiralig angeordneten Zahlen in Datumsbilder um. Oder in verwirrende Beziehungsgeschichten aus Drähten, Schläuchen und Sonstigem. Treibt einen kreativen Kult um trockene Daten. Sehr hermetische Arbeiten.

Der im musikalischsten Sinne des Wortes verspielte Rudolf Polanszky lockert das alles ein bissl auf. Die Schraubenlinie: eine Komposition "für 4 Klaviere gleichzeitig". In "Musikalischer Affe II" spielt er dann allerdings (filmisch geklont) Akkordeon, Cello und Tuba simultan. Und undefinierbare Instrumente. Mathematische Präzision ist eben nicht alles. "Affenmusik" aber auf jeden Fall unterhaltsamer. Fürs Auge. Weniger für die Ohren.

Kunst ist eine Extremsportart

(cai) Wenn sich die Leute schon anstellen für ein Selfie (auf der Vernissage), dann ist sie wohl ein Star. Wahrscheinlich sogar einer der Kategorie "Super". No na. Marina Abramović ist "die bedeutendste Performance-Künstlerin der Gegenwart". Steht das auf Wikipedia? Noch nicht. Dort ist sie erst "eine serbische Performance-Künstlerin mit internationalem Renommee". Aber in einer Presseaussendung. (Bevor sie Ende April den Globart Award gekriegt hat.)

Jetzt kann man ihr ausdrucksstarkes Gesicht in der Galerie Krinzinger also endlich in Ruhe auf sich wirken lassen. Ohne störende fremde Gesichter dazwischen (von Groupies, Jüngern, Pilgern . . .). Ihr eigenes ist ja überall. Auf den ikonischen Schwarzweißfotos, in den Leuchtkästen. (Nicht, dass sie es nötig hätte, ihre Ausstrahlung durch künstliches Licht zu verstärken.) Sogar zur Salzbüste ist es erstarrt. Mit einem Quarzkristall in der Stirn. (Für klare Gedanken?) "Two Hearts": eine Schau voller Dualitäten (und Intensitäten). Leben - Tod, Körper - Geist . . . Zwei Herzen hält die Tochter von Partisanen ja wirklich in ihren Händen. Als ambivalente Heldenjungfrau Jeanne d’Arc, gerüstet mit Frauenpower und Harnisch. Okay, das (religiöse) Pathos trägt sie ein bissl dick auf. Etwa wenn sie nackt vor einem Vulkan das Alter tapfer erträgt, nämlich eine alte Frau schleppt und in Pietà-Pose auf den Schoß nimmt. Und als Priesterin bringt sie salbungsvoll ein Opfer dar. (Oder heilt es?) In den Innereien, mit denen die Nackerte vor ihr auf dem Altar belegt ist, wühlt sie jedenfalls nicht herum (wie der Nitsch). Der Betrachter wird derweil geblendet vom spirituellen Weiß und der sauberen Ästhetik.

Ein Gänsehautvideo einer physischen und mentalen Grenzerfahrung: Mit Schlange auf dem Kopf bewahrt sie ladylike Haltung. Aber bei ihr wird ja selbst das Rumsitzen zum Extremsport. Ihr Sitzmarathon 2010 im MoMa in New York: Quasi im Akkord ist sie den Museumsbesuchern gegenübergesessen. 721 Stunden. Eine Meisterin der Selbstbeherrschung. Ob die 71-Jährige deshalb weniger Falten hat als ich? Und ich erlaube mir sicher keine Performance-Exzesse.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-15 17:21:50
Letzte Änderung am 2018-05-15 17:29:16


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