• vom 31.05.2018, 17:06 Uhr

Kunst

Update: 31.05.2018, 18:00 Uhr

Fotografie

Ein unverhoffter Blick




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Von Christina Böck

  • Abwechslungsreiche Bilder der neu entdeckten US-Fotografin Vivian Maier im Westlicht.

Dezent selbst ins Bild gerückt: Selbstporträt von Vivian Maier, 1978. - © Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY

Dezent selbst ins Bild gerückt: Selbstporträt von Vivian Maier, 1978. © Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY

Fast hätte diese Bilder nie jemand zu Gesicht bekommen. Es ist auch gar nicht klar, ob es der Schöpferin der Fotos recht ist, dass sie ausgestellt werden. Denn zeit ihres Lebens (1926 bis 2009) hat Vivian Maier ihre Fotos nur für sich behalten. Sie gehortet und manchmal, wenn es ihre Finanzen nicht zuließen, nicht einmal entwickelt. Es ist eine ganz besondere Ausgangssituation, die das Werk dieser US-amerikanischen Künstlerin bietet. Zum einen, weil sie eigentlich nicht als professionelle Fotografin gearbeitet hat. Und zum anderen, weil ihr Oeuvre erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde. Ein Immobilienmakler, der den Inhalt eines Lagers, dessen Miete sich Maier nicht mehr leisten hatte können, 2007 ersteigert hatte, saß da mit tausenden Negativen und ihm dämmerte, dass er einen Schatz ergattert hatte. Nun ist ein sehr kleiner Teil dieses umfangreichen Werks - von dem überhaupt erst ein sehr kleiner Teil publiziert wurde - in der Wiener Galerie Westlicht erstmals in Österreich zu sehen.

Ehrfürchtiges Eis

Information

Ausstellung
Vivian Maier
Westlicht, bis 19.8.

Die Ausstellung trägt den Titel "Vivian Maier: Street Photographer" und zeigt auch in weiten Teilen, wie sich Maier unbeschwert dieser doch sehr männlich dominierten Sparte der Fotografie ab den 1950er Jahren in den Straßen von New York und Chicago angenommen hat.

Da gibt es einen afroamerikanischen Bub, der sein Eis ehrfürchtig im Sonntagsanzug verspeist. Oder zwei Mädchen, die einander Verschwörerisches zu berichten haben. Oder den schwarzen Bettler, der seine Beatnikhaltung mit abgestütztem Fuß an der Hauswand auch nicht aufgibt, als ihm ein (weißer) Mann ein paar Almosen gibt. Der Pitbull an der Leine des Bettlers scheint interessierter. Es ist eine Kraft der mühelosen Komposition, der schlafwandlerischen Motivcoups, die Vivian Maier über Nacht zu einer Klassikerin der Fotokunst gemacht haben, die man mit Größen wie Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus vergleicht. Schon die kleine Auswahl in der Galerie Westlicht beweist große Vielfalt. Maiers Blick konnte diskret sein, etwa wenn sie die verstohlen-zärtlich in den Rockfalten der Frau verschränkten Finger eines Liebespaars abbildet. Und sie kann auch unbarmherzig sein, wenn sie den hochgewehten Pünktchenrock einer Dame festhält, der den Blick freimacht auf allzu stattliche Schenkel. Manchmal ist Maier auch mit der Kaltschnäuzigkeit des Reporters unterwegs und fotografiert etwa eine ohnmächtige Frau, der ein Polizist den Puls misst. Den Blick zieht es zu den Herumstehenden, bei denen sich mannigfaltige Emotionen finden, vom besorgten Hand-vor-den-Mund-Halten bis zur feierlichen Gebetsmiene.

Maier schenkt ihren Motiven in bestechender Gerechtigkeit ausgewogene Aufmerksamkeit. Audrey Hepburn bei einer Theaterpremiere würdigt sie mit derselben Präsenz wie die "Schriftsetzer" einer Kinoanzeige. Auch Humor kommt nicht zu kurz, etwa wenn sie zwei ältere Männer genau in dem Moment "erwischt", in dem es so aussieht, als würden sie einen Wasserschlauch wie eine Schlange beschwören.

Ordentliche Zeitungen

Zeitungen tauchen auch immer wieder auf Maiers Bildern auf, sei es in einem dramatischen, mantelverwehten Moment, bei dem zwei Frauen und ein Mann sich die Lektüre über eine Babyentführung teilen. Oder sei es in einem Zugwaggon, in dem in jeder Reihe ein Mann mit Hut mit seiner Zeitung eine fast geometrische Ordnung herstellt.

Zeitungen hat Vivian Maier neben ihren Fotos selbst gesammelt. Die tonnenschweren Massen, die sie angehäuft hat, haben später in ihrem Leben dazu geführt, dass sie ihre Anstellungen nicht behalten konnte. Als Kindermädchen oder Pflegerin wohnte sie ja bei ihren Arbeitgebern. Bei manchen hatte sie im Bad auch ihre eigene Dunkelkammer. Die Kinder, die sie betreut hat, sind auf nicht wenigen Fotos vertreten. Gerne auch auf den Selbstporträts, die Vivian Maier mit spielerischem Erfindungsreichtum vor allem, was Spiegeleffekte betrifft, erstellt hat. Da ist sie in einem Hydranten, über dem als zweites Ich ihr Schatten hochragt. In einem Schaufenster, in dem sich noch einmal zwei Frauen sozusagen in ihrem Schoß spiegeln. Oder als Schatten über einem Engel auf dem U-Bahn-Kinoplakat für "Heaven can wait". Paradox für eine Frau, die immer sehr privat bleiben wollte. Aber auch angebracht für eine Frau, die ihren postumen Ruhm nicht mehr erlebt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 15:43:10
Letzte Änderung am 2018-05-31 18:00:27


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