• vom 31.05.2018, 16:33 Uhr

Kunst

Update: 31.05.2018, 16:45 Uhr

Wiener Schmäh

Wiens letzter Schmäh




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Von Clemens Marschall

  • Am 25. Mai präsentiert der Wiener Fotograf Alex Dietrich sein Fotobuch "Da letzte Schmäh".

"Renn ned gegen deine eigenen Wänd." - © Alex Dietrich

"Renn ned gegen deine eigenen Wänd." © Alex Dietrich

Ein Jesus, der mehr als nur ein Bemmerl Haschisch geraucht hat; dazu Grabschmuck aus dem Reisekoffer, Nackerbazis in der Lobau, Superauto KITT vor der Garage, patriotische Kellerarchitektur und Kraftlackln in sinnloser Aktion: Alex Dietrich zeigt das bunte Spektrum von Wien, und zwar in Schwarz-Weiß, unverfälscht und ohne Glitzer.

Der 1987 geborene Simmeringer trägt seine Kamera stets griffbereit, um alttägliche, scheinbar völlig banale Situationen so festzuhalten, dass sie Aussagekraft erhalten. Mit seinem "letzten Schmäh" legt er eine sehr spezielle Liebeserklärung an "seine" Stadt vor, zwischen "Deppad sein is leiwand", "Heute wegen gestern geschlossen" und dem in den 1970ern auf Lederjacken getragenen Punk-Slogan "Wien, du tote Stadt" - allerdings ohne Angriffspose, sondern etwas sediert, mit ein paar Vierterl Weiß ins Schasaugade mediziniert.

Information

Ausstellung
Da letzte Schmäh
Von Alex Dietrich
Verein Fortuna
7., Westbahnstr. 25/2, bis 2. Juni

Wean, bist angrennt?

Über den Arbeitsprozess des nun im Wiener Verlag Text/Rahmen erschienenen Buchs sagt Dietrich: "Man könnte sagen, dass ich zehn Jahre daran gearbeitet hab, weil das älteste Foto von 2008 ist. Aber fast die Hälfte der Fotos ist in einem sehr intensiven Jahr entstanden - über ganz Wien verteilt: von Unterlaa bis Kahlenberg Dörfl, von Liesing bis Stammersdorf."

Wer Wien kennt, wird einige Plätze wiedererkennen, und sich bei anderen fragen: "Und das in meiner Stadt?" Dietrich braucht nichts zu inszenieren, denn seine lieben Wienerinnen und Wiener tun das selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das zu erkennen, ist Dietrichs Qualität: Er streift durch Wien und beobachtet jene scheinbar belanglosen Szenen, die zur kleinen Sensation werden, sobald er sie einrahmt. Sie passieren täglich um uns herum, doch sind wir meistens zu sehr abgelenkt, um sie wahrzunehmen. Dietrich sagt: "Inszeniert hab ich maximal in dem Sinne, dass ich gefragt habe, ob ich fotografieren darf. Aber ich hab niemanden gesagt, was er oder sie tun soll. Am liebsten bin ich stiller Beobachter aus der Ferne." Was bleibt, ist nicht nur ein Buch mit ungeschliffenen Alltagshelden, in dem man bei jedem Durchgang neue Facetten entdeckt, sondern auch eine geschärfte Wahrnehmung für eigene Strawanzereien, nicht nur durch Wien, sondern die Welt generell. Dietrich zeigt: Truth is stranger than fiction. Oder wie sagt man in Wien: Pack i ned, Oida!

Es riecht nach abgestandenem Bier, kaltem Rauch und einer verschwitzten Unterhose. Ein Wien wie ein altes Ambros-Lied, wie ein lauwarmes Schnitzel im Schwimmbad, wie ein Kottan ohne Auflösung. Einiges wirkt wie aus der Zeit gefallen, anderes wie aus dem Rahmen. Zwischen Resignation, schwarzem Humor und Grant löscht sich der Anflug von Anmut von selbst aus. Die berechnende Boshaftigkeit, die man dem Wiener gern nachsagt, ist ihm in Wirklichkeit zu anstrengend. Sie bleibt auf halber Strecke liegen und geht lieber auf ein Versöhnungsschnapserl, auch wenn’s mit dem eigenen Todfeind ist: Der Weg des geringsten Widerstandes mit einem kleinen Rauscherl, das ist der Weg des Wieners. Launisch grüßt Herr Karl um die Ecke: "Samma Hawara oder samma ned, Deppada?!"

Die Geschichten werden durch die sorgfältig arrangierte Fotoreihenfolge evoziert, aber man muss sie sich selbst im Kopf zusammenbauen. Und da mag es passieren, dass ab und an ein kleiner Hauch Nostalgie hereinschwebt, der sich aber mit dem zweiten Hinschauen quasi selbst aushebelt, weil: So leiwand ist es dann doch nicht, von der Polizei eingesackelt zu werden.

Alles muss man nicht selbst erleben, manchmal reicht es, einen Fotoabzug davon zu sehen. Einige der festgehaltenen Orte sind bereits verschwunden, und so ist die Arbeit für Dietrich trotz aller Härte auch "eine Art nostalgische Flucht in Vergangenheit, natürlich. Sonst wäre ich ja kein Wiener." Wean, du bist ka Taschenfeitl, sondern a potscherts Pleampl! Renn ned gegen deine eigenen Wänd, verlier di ned in da eigenen Stadt! Lass deine Kinder auf di aufpassen und lass da guat gehen. Bussi aufs Baucherl, du oida Zwetschkenröster!

Und mit Baucherl gemeint ist hier kein Backhendlfriedhof, sondern die riskante Mischung aus Cola und Weinbrand, die man noch heute bei berüchtigten Brandinesern um ein paar Schillinge bekommt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 16:40:26
Letzte Änderung am 2018-05-31 16:45:15


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