• vom 07.06.2018, 15:53 Uhr

Kunst

Update: 07.06.2018, 16:03 Uhr

Ausstellung

Antithese zum Handyselfie




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • Genauer schauen: US-Künstler Julian Schnabel zeigt seine Polaroid-Fotos in Wien.

Lou Reed, leger am Schwert: Berühmte Freunde sind Julian Schnabels Lieblingsmotive.

Lou Reed, leger am Schwert: Berühmte Freunde sind Julian Schnabels Lieblingsmotive.© Julian Schnabel Lou Reed, leger am Schwert: Berühmte Freunde sind Julian Schnabels Lieblingsmotive.© Julian Schnabel

Eigentlich wollte Julian Schnabel sich mit der Polaroidkamera irgendwo an eine Ecke in Wien stellen und die vorbeigehenden Menschen fotografieren. Das wäre schon ein Spektakel gewesen, denn die Polaroidkamera, die der US-Künstler verwendet, ist nicht das handliche Fotospuck-Modell, das man gemeinhin kennt. Es ist eine 20x24-Inch-Kamera, ein Modell aus den 70er Jahren, das es nur sechs Mal auf der Welt gibt und das mannshoch und zweimal mannsbreit ist.

Dazu ist es aber dann doch nicht gekommen, weil Schnabel "zu wenig Energie" für Kunstausübung in Wien hatte, wie er bei der Präsentation seiner Ausstellung im Ostlicht gestand. Dort werden nun Foto-Arbeiten gezeigt, die er seit 2002 zusätzlich zu seiner malerischen und seiner filmischen Karriere herstellt. In der Mitte des Raumes steht denn auch die 20x24-Inch-Polaroid, ohne die es diese Bilder nicht gäbe.

Information

Ausstellung

Julian Schnabel: Polaroids

Ostlicht

Unschärfen und eine
Prise Humor

Es sind sehr unterschiedliche Motive, die Schnabel abbildet. Da gibt es Porträts von seinen berühmten Freunden oder seiner Familie, die auf verschiedene Weise entstanden sind. Ein Porträt von Schauspieler Christopher Walken mit Bürstenhaarschnitt und mild stechendem Blick gibt es nur, weil das "Interview"-Magazin ein Foto von Walken brauchte und er keinem Fotografen vertraute. Also rief er seinen Freund Schnabel an, der gerne aushalf. Die Ästhetik dieses Porträts unterscheidet sich von anderen Porträts, etwa einem von Lou Reed, auf dem der Sänger ein großes Schwert hält, dessen spitzes Ende es nicht mehr aufs Bild geschafft hat. Der Excalibur-Geste wird aber einiges an Ernsthaftigkeit genommen, blickt doch Reed eher skeptisch und umfasst das Schwert recht lässig mit nur einer Hand.

Schnabel arbeitet auch mit Unschärfen, wie bei einer Aufnahme von Placido Domingo - das Gesicht des Opernstars ist längst nicht so scharf wie die Riemen seiner Schuhe, man meint aber, klar den entschlossenen Blick Domingos erkennen zu können.

Auch seinen Arbeitsplatz und sein Haus in New York - Schnabel hat einen rosa venezianischen Palazzo, den Palazzo Chupi, auf einen ehemaligen Pferdestall gebaut - hat er vielfach verewigt. Gerne auch mit sich selbst als Motiv, etwa in jener Atelieransicht, in der einige seiner Röntgenbilder - er fand jahrzehntealte Röntgenbilder und übermalte diese - aufgereiht sind, in der Mitte sucht der Schöpfer leger etwas in seinem auf dem antiken Fauteuil abgelegten Mantel.

Zwei großformatige Bilder ziehen den Blick besonders auf sich. Wie bei seinen Röntgenbildern hat Schnabel da mit gefundenem Material gearbeitet. Die Reihe heißt "Crazy People": Er stieß auf historische Porträts von Patienten einer französischen Anstalt für mentale Krankheiten aus dem Jahr 1924. Er fotografierte sie mit der Polaroid ab, druckte sie auf Polyester und versah sie mit Tintenflecken. Die erratischen Schmierer unterstreichen die Willkür, die jemanden zum Betroffenen einer psychischen Krankheit macht, die Blicke der Patienten variieren von Angst über Leid bis zu Herablassung.

Alle Fotos - und es finden sich genug Selbstporträts darunter - haben eines gemeinsam: Sie sind die Antithese zur allzeit bereiten Handykamera. Das will Schnabel auch so: "Die Menschen glauben, sie fangen mit ihrem Selfie etwas ein, dabei sehen sie gar nicht, was es zu sehen gibt." Und das kann mitunter auch ein berühmter Künstler mit reichlich Ego sein, wie er in einer Anekdote erzählt: "Ich sah zwei Mädchen, die ein Selfie machten. Ich fragte sie, ob ich ein Foto von ihnen machen soll. Sie sagten ja, also machte ich ein Selfie von mir mit ihnen im Hintergrund."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 15:58:15
Letzte Änderung am 2018-06-07 16:03:59


Bildende Kunst

Ulrike Möltgen

Geboren 1973 in Wuppertal; studierte Kommunikationsdesign bei Wolf Erlbruch. Sie lehrte als Dozentin an der Folkwang Universität der Künste in Essen... weiter




Bildende Kunst

Karin Schäfer

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Wien, Studium mit Schwerpunkt Figurentheater am Institut del Teatre in Barcelona; Sieben Jahre Mitarbeit bei... weiter




Fotografie

Rainer Friedl

Geboren 1956 in Tulln, Matura, Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien; freier Journalist und Pressefotograf, Öffentlichkeitsarbeit in der Politik... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Damals, als alles einfacher war
  2. Strahlen in Bescheidenheit
  3. Effekthascherei
  4. Am Ende wartet die Hölle
  5. Die neue Leichtigkeit
Meistkommentiert
  1. Der universell Umtriebige
  2. Effekthascherei


Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung