Tatiana Lecomtes "Mein erste Löwin". - © Tatiana Lecomte
Tatiana Lecomtes "Mein erste Löwin". - © Tatiana Lecomte

Parallel zur Ausstellung "Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945" sind im Erdgeschoß des Josephinums Gegenwartskunst-Interventionen von Anne Artaker und Tatiana Lecomte zu sehen, wobei den Auftakt Kurt Krens Film "48 Köpfe aus dem Szondi-Text" von 1960 macht. Seiner zerstörenden Stakkato-Rhythmus-Methode gegenüber dem wissenschaftlich fragwürdigen Test des Psychiaters Leopold Szondi aus den 1930er Jahren über Sympathiebekundungen die psychische Konstitution seiner Patienten zu beurteilen, folgt Artaker mit "48 Köpfe aus dem Merkurov Museum".

In Gyumri, Armenien, werden in diesem Museum hunderte Totenmasken der Sowjet-Elite von Gorki über Lenin bis Eisenstein aufbewahrt, die vom Volkskünstler Sergej Merkurov modelliert wurden. Dabei sind auch die Parteifunktionäre der repressiven Kulturpolitik unter Stalin. Das Stakkato, Ausschnitte und die Abfolge mit Drehungen Kurt Krens machen es auch im Fall dieser Kopfmasken unmöglich, die Persönlichkeit ganz zu erfassen - hinter der schräg stehenden Projektionswand hat Artaker dazu die Totenmasken berühmter Mediziner des Josephinums in eine Vitrine gelegt. Da sie namenlos und undatiert sind, bleibt es am Betrachter die gleiche fragwürdige Sympathiemethode noch einmal durchzuspielen. Es drängen sich einige Fragen dazu auf: Wer war ein berühmter Arzt, wer war Nationalsozialist und welcher musste 1938 ins Exil wie mehr als 50 Prozent der Mitglieder der medizinischen Fakultät? Einer jedenfalls ist Emil Zuckerkandl, der Gustav Klimt förderte und dessen Hand in Gips ergänzend mit abgenommen wurde, als er 1910 starb. Sie ist nun das Motiv auf der Ausstellungseinladung.

Daneben läuft Tatiana Lecomtes Film "Deconstructing Erna" über die Fotografin Erna Lendvai-Dircksen, die auf der Suche nach dem "deutschen Volksgesicht" durch Europa reiste. Lecomte hat die rassistisch motivierte Frontalaufnahme hälftig durchtrennt und neue Gesichter - zuweilen auch zweigeschlechtlich - collagiert. Eine Fotoserie nimmt sich in anonymisierenden, grob gerasterten Ausschnitten die Lehrbücher für Hautkrankheiten vor und mit "Meine erste Löwin" verweist Lecomte auf die inhaltliche Nähe von Jäger und Gejagtem mit Themen wie Rassismus, Fremdsein und Exil.

Sie kombiniert Found-Footage- Fotografie aus privaten Alben, Büchern und von Werbeseiten in Magazinen, die analogen Montagen ergänzt sie dann aber um eine digitale Aufnahme ihrer farbigen wie schwarz-weißen Fund-Tafeln mit neutral farbigem Grund. Doch die freie Kombination der Safari-Privatfotos, von medizinischen Versuchsbildern sowie Aufnahmen aus Haustierzucht und von Angorawäsche, lässt sofort über die Abschuss-Heldenposen reflektieren. Die Jägerin, die neben dem toten Tier ein schwarzes Kind tätschelt, schließt den Bogen kritischer postkolonialer Neusichtungen ab.