• vom 13.06.2018, 07:00 Uhr

Kunst


Ausstellung

Schlacken der Wirklichkeit




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Albertina startet mit Retrospektive von Alfred Seiland eine Serie zu österreichischen Fotografen.

Der Farbfilm in der "Street Photography. Arizona, 1989.

Der Farbfilm in der "Street Photography. Arizona, 1989.© Albertina Der Farbfilm in der "Street Photography. Arizona, 1989.© Albertina

Der 1952 geborene Fotograf Alfred Seiland steht mit seiner Retrospektive am Anfang einer geplanten monografischen Reihe über österreichische Fotokünstler in der Albertina. Er kam 1979 erstmals in die USA und schloss sich dort mit großem Interesse der neu etablierten Farbfotografie an, auch wenn Kollegen auf der künstlerischen Ebene vor allem in Europa immer noch Schwarzweiß favorisierten. Zuerst nützte nur die Mode und Werbebranche Farbe, doch dann etablierte sich der Farbfilm auch in der "Street Photography". Seiland war folglich für das Magazin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ab 1989 tätig und macht bis heute für die "New York Times", "Stern" oder "Geo" Fotoreportagen.

Analoge Technik

Information

Ausstellung
Alfred Seiland Retrospektive
Anna Hanreich (Kuratorin)
Albertina bis 7. Oktober

Er nützt eine Großbildkamera und das nach wie vor mit analoger Technik, da die enorme Bildschärfe durch lange Belichtungszeiten im Digitalen nicht möglich sind. Die Albertina präsentiert fünf seiner sehr langsam entstandenen, da auch umfangreichen Serien der vergangenen 40 Jahre. Am Anfang steht 1979 bis 1986 "East Coast - West Coast", wobei zwei bleibende Faktoren sichtbar werden: exakte Komposition, oft vor Motiven der amerikanischen Vorbilder, die Alltagssituationen in besonderer Lichtsituation einfangen. Nacht oder Dämmerung sind dabei oft gewählte Zeiten.

Was für William Eggleston, Stephen Shore oder Joel Meyerowitz aber die gewohnte Umgebung war, ist für Seiland damals eigentlich noch exotisch. Motels, Reklameschilder, Werbeflächen, Neonlicht oder Lunaparks im Regen, sind alle keine touristischen Motive, eher Non-Sites, auch die Aufnahmen an den Küsten zeigen schäbige Strandhütten, Telefonzellen oder Tankstellen, doch das, nach Meinung Klaus Albrecht Schröders, mit einem Blick wie dem Piet Mondrians.

Gleichzeitig beginnt Seiland in Österreich im Burgenland und sogar in Wien unspektakuläre Orte, auch hier ohne Menschen, dabei Industriedenkmäler wie die hässlichen Silos, alte Autos und typisches Aufeinanderprallen alter und neuer Architekturen, festzuhalten: Deutschkreuz, Wallern oder Proleb ohne Charakteristika. Die Serie "Österreich" entsteht 1981 bis 1995 und kümmert sich, nach Schröder, wieder um "Schlacken der Wirklichkeit".

Vielfach ausgezeichnet wurde Seiland mit seinem Auftrag einer Werbekampagne für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Dahinter steckt immer ein heller Kopf" porträtierte aufwendig prominente Leser - so Reinhold Messner in einer Felswand, Exkanzler Helmuth Kohl auf einem Schiff, Regisseur Billy Wilder auf den berühmten Buchstaben von Hollywood, Yehudi Menuhin am Dach der Albert Hall. Doch es sind nur ihre Beine sichtbar, die Oberkörper und Köpfe bleiben hinter der Zeitung versteckt.

Ebenso wenig Schnappschüsse sind seine beiden letzten Serien, für die er ein besonderes Weitwinkelobjektiv einsetzt: "Imperium Romanum" begann 2006 und die erst 2017 daran anschließende Serie von Fotografien beleuchtet den Iran. Dabei geht es in beiden um einen heutigen Umgang mit der Antike, der wohl für Archäologen nur als nachlässig gelten kann, aber eben der alltägliche ist - entweder wohnen Menschen in Ruinen oder diese stehen auf einer Verkehrsinsel marginalisiert einfach herum. Im besten Fall sind römische Relikte für ein Filmset der BBC-Serie "Rome" in Cinecittà kunstvoll nachgebaut und mit Lichtern inszeniert. Das Idealbild von der Vergangenheit wurde abgelöst von der Filmkulisse. Auf dem Weg über römische Ausgrabungen in Kleinasien und Israel gelangte Seiland in den Iran.

Kriegsschauplätze, Denkmäler

Dort hat er neben den Erinnerungsstätten aus der Antike neue Kriegsschauplätze und Denkmäler im Gedächtnis an den ersten Golfkrieg 1980 bis 1988 festgehalten. Er konnte das ganze Land mit Presseerlaubnis durchreisen und hielt in einer nächtlichen Aufnahme in Bam einen Motorradfahrer fest, der mit seinem kleinen Scheinwerfer eine Ruinenstadt marginal beleuchtet, deren Alter nicht mehr erkennbar ist - eine melancholische Sicht in poetischer Stille, wie sie schon die extreme Diagonalansicht der großen Mauer am Eingang zur Villa Hadriana bei Tivoli ausstrahlt, die von Zypressen umgeben ist.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-12 17:04:21
Letzte Änderung am 2018-06-12 21:16:15


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