• vom 13.06.2018, 15:37 Uhr

Kunst

Update: 13.06.2018, 16:07 Uhr

Ausstellung

Agieren aus dem Vakuum




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Feministische Pionierarbeit: "The Two Halves of Martha Wilson’s Brain" im Kunstraum NÖ.


© Martha Wilson, Mona/Marcel/Marge, 2014. Compositing Artist Kathy Grove, lenticular potograph © Martha Wilson, Mona/Marcel/Marge, 2014. Compositing Artist Kathy Grove, lenticular potograph

"Formen bestimmen das Fühlen", schrieb Martha Wilson unter eine ihrer Rollenspiel-Fotografien aus der Serie "A Portfolio of Models", nachdem sie schon 1972 als Dragqueen vor der Kamera einen Mann aus sich machte, der Frau sein möchte. Es folgten Göttin, Hausfrau oder Lesbe. Damit war sie vielen voraus und beantwortete den Minderwert der Frau in Gesellschaft und Kunst Amerikas mit zwei Strategien. Neben ihrer subversiven Foto- und Performancekunst gründete sie in New York den Kunstraum Franklin Furnace, in den sie viele später bekannte Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Ana Mendieta oder Renate Bertlmann nach Lower Manhattan einlud. William Wegman, Vito Acconci oder Carl Andre performten dort, es wurden Künstlerbücher auf Tische und in die Auslage gelegt und verkauft, denn als Brotberuf hatte Wilson Arbeit in einem Verlag.

Unsichtbarkeit im Alter

Information

Ausstellung
The Two Halves of Martha Wilson’s Brain
Felicitas Thun-Hohenstein (Kuratorin)
Kunstraum NÖ bis 28. Juli

Heute ist die Unsichtbarkeit von Frauen im Alter ihr Hauptthema, nachdem sie als eine der Pionierinnen der performativen Fotografie und der Performancekunst in den USA und Europa gilt.

2017 war Wilson mit Kolleginnen in Gabriele Schors Ausstellung der internationalen "feministischen Avantgarde" im Mumok vertreten, und damals fasste sie nach einem Gespräch mit Felicitas Thun-Hohenstein den Entschluss, ihre erste Personale außerhalb Amerikas in Wien zu machen - als Ort kam der Kunstraum NÖ wegen dessen Performance-Schwerpunkt im heurigen Jahr ins Gespräch.Christiane Krejs wählte für Einladung und Plakat Wilson als Mona Lisa, eine wunderbare Forocollage, die Leonardo da Vinci und die 1919 von Marcel Duchamp durch Schnurrbart gegenderte Version mit Wilsons Gesicht verbindet. Duchamps Hinweis in der Bildunterschrift auf eine Dame mit heißem Hintern beantwortet Wilson mit einer blauen Fellmütze: "Mona/Marcel/Marge" entstand 2014 mit der Fotografin Kathy Grove.

Wilson lebte in der Doppelrolle als Künstlerin und als Organisatorin eines Kunstraums, auch wenn sie dort bald Kuratorinnen beschäftigte. Daneben war sie Musikerin und insgesamt als politische Aktivistin tätig. Das lässt sich bis heute sehr gut sehen, wenn sie in die Rolle der Melania Trump und sogar in die des Präsidenten selbst schlüpft. "Thump"-Wilson blickt uns vor der Allegorie der militärischen Kraft als Denkmal mit zwei erhobenen Daumen entgegen, die Sprach-Performance dazu beinhaltet das fragwürdige Verhalten Trumps gegenüber Frauen. Wilson war davor in die Rolle der Präsidenten-Gattinnen Nancy Reagan und Barbara Bush geschlüpft, aber auch Tipper Gores, die in der Pop- und Punkmusik-Szene unbeliebt war, weil sie verlangte, Jugendliche sollten durch Aufschriften auf Plattencovers vor den "schmutzigen" Inhalten gewarnt werden.

Frauenpunkband

Ihre auf Videos präsentierten Performances schließen den Beruf der Bandleaderin ein, die Frauen-Punk-Band Disband existierte von 1979 bis 1982 und hat statt mit Instrumenten mit Singen bissiger Texte gegen Stereotypen und soziale Ungerechtigkeiten die Szene aufgemischt. Mehrmals sind die Programme von Franklin Furnace mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, immer ging es um Fragen der Sexualität, doch das riesige Netzwerk der Organisation in feministischen wie künstlerischen Fragen existiert bis heute.

Wilson beantwortet alle Schwierigkeiten seit der Ablehnung ihrer literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit an der Uni von Halifax mit kritischem Humor und Wandlungsfähigkeit. Gnadenlos werden bis heute auch die Rollen des eigenen Lebens hinterfragt, der Tochter, Mutter, Geliebten und Künstlerin ein Spiegel vorgehalten. Selbst die Hochzeit mit ihrem spät gefundenen Lebenspartner Vince Bruns wurde 1998 eine Performance bei einem Meeting der Brooklyn Friends. Wilson hat die Künstlerbücher aus Franklin Furnace mittlerweile archiviert, ihre Notizen können in der Bibliothek der New York University eingesehen werden und sie tourt mit ihrem Ausstellungskoffer derzeit mit Schor und der Sammlung Verbund ins Kunstmuseum von Stavanger.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-13 15:43:29
Letzte Änderung am 2018-06-13 16:07:30


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