Wandlungsfähig: "origamiPenta" von LAb[au]. Faltkunst mit Motor. - © Mario Mauroner Contemporary Art
Wandlungsfähig: "origamiPenta" von LAb[au]. Faltkunst mit Motor. - © Mario Mauroner Contemporary Art

Woraus ein Loch besteht

(cai) Aus Leere? Da hängt jedenfalls ein Loch an der Wand. Nein, das stimmt so nicht ganz. Es sind 2887 Löcher! 933 runde und 1954 eckige! (Und sie hängen an sechs Wänden. Der Galerie Lindner.)

Aber bevor ich die alle gezählt habe, hab ich natürlich zuerst einmal gelesen. Ein Wort mit sechs Buchstaben. (Auf einer siebenten Wand.) Die sind übrigens aus genau demselben Material. Wie die 2887 Löcher? Falsch. Wie die durchlöcherten Platten. Acrylglas. Schwarz. Angeblich handelt es sich allerdings gar nicht um Buchstaben. Sondern um Rechtecke, aus denen vertikale Einheiten ("units") herausgeschnitten worden sind. Wurscht. Trotzdem steht da "Header". Kopfball. (Oder Köpfler, Kopfzeile . . .) Kopfball? Wie das, was Cristiano Ronaldo im WM-Spiel Portugal gegen Marokko in Minute vier gemacht hat?

In der Sportart, die Douglas Allsop betreibt (Kunst, zumindest in seiner eigenen), muss das Runde auch oft ins Eckige. ("931 round holes." Viereck mit Rundlochung.) Oder ins Runde: "2 circles." (Kreisscheibe mit kreisrundem exzentrischem Loch.) Sogar das Eckige muss ins Eckige: "1944 square holes." Andere würden ja einfach "Rastergitter" dazu sagen, der Brite zählt freilich lieber die quadratischen Lücken zwischen den Linien. Alle 1944. Klingt zwangsneurotisch? Und etwas langweilig? Wie eine minimalistische Peepshow, wo der Betrachter (der Voyeur) durch die Gucklöcher auf die nackte Wand spechtelt?

Das glatte Acrylglas ist auf jeden Fall sexy. Wie sich die Umgebung darin spiegelt, der Raum mit einbezogen wird. (Wird er eigentlich schon allein dadurch, dass die Wand überall mitspielen darf.) Okay, die strengen Formen sind vielleicht ein bissl magersüchtig. Doch ansonsten haben diese präzisen Arbeiten eine echt gute Figur. Ausgeklügelte Proportionen.

Frühling kommt von Frau

(cai) Heuer ist der Frühling ja leider ausgefallen. Wegen dieser Erderwärmung. (Dem Sommer. Der sich vorgedrängelt hat.) Aber anscheinend war er die ganze Zeit eh bloß woanders. Nämlich in der Galerie vom Mario Mauroner. Oder eigentlich nicht er, sondern: sie. "FRÜH:LING [fry:ling], der: weiblich." (Der Ausstellungstitel liest sich wie ein Wörterbucheintrag.) Und so wie früher für diese vor sich hin vegetierende Jahreszeit Göttinnen zuständig waren (mit kleinem i), ist die Kunst hier das Werk von acht Frauen. Okay, und von zwei Nichtfrauen (Männern).

Es grünt so grün. Anselma Murswiek imitiert mit dem Pinsel das wuchernde Pflanzenwachstum. In sinnlicher Üppigkeit breiten sich die Seerosen in ihrem "unendlichen Garten" immer weiter aus. Blatt für Blatt. Von Leinwand zu Leinwand. "Tatsächlich ist das Bild dann über mein Atelier hinausgewachsen." Und bei den kinetischen "Origami"-Objekten des Kollektivs LAb[au] (zwei Männer, eine Frau) könnte man an Blüten denken. An die bodenständigen und an die fliegenden (die Schmetterlinge). Flächen, die sich beschaulich auf- und zuklappen, Farben, die sich enthüllen. Versetzt einen regelrecht in Trance. Alles regt sich, ist aus dem Winterschlaf aufgewacht: 49 Kompassnadeln zucken wie desorientiert zu unhörbaren Klängen (Amseln, Motorrad . . .), die als Strom durch Spulen fließen. In Ulla Rauters sehr technischer Konstruktion steckt insgeheim viel Poesie und im rhythmischen Klicken der Relais eine mitreißende Aufbruchsstimmung. Bei Stille zeigen die Nadeln nach Norden. Ist das nicht die Richtung, in die die Zugvögel im Frühling fliegen? Während die ihren Gesang sowieso stets dabei haben, verwebt Catalina Swinburn ganze Opernpartituren zu Capes. Musik, die man als Teil der Identität wie ein Stück Heimat mit sich herumträgt.

Stimmig klingen die spannenden Arbeiten zusammen. Und sicher nicht zu platter Bukolik. Auch Anneliese Schrenk, Anastasiya Yarovenko, Irina Ojovan und Darina Kmetova verdienen es natürlich, erwähnt zu werden.