• vom 28.06.2018, 17:38 Uhr

Kunst

Update: 29.06.2018, 11:43 Uhr

Canalettoblick

Wien-Ansicht im Kreuzfeuer




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Obere Belvedere präsentiert eine Schau zum berühmten wie umstrittenen Canalettoblick.

Wien, Wien, nur du allein. Gerhart Frankl: "Blick vom Belvedere auf Wien, I".

Wien, Wien, nur du allein. Gerhart Frankl: "Blick vom Belvedere auf Wien, I".© Johannes Stoll, Belvedere, Wien Wien, Wien, nur du allein. Gerhart Frankl: "Blick vom Belvedere auf Wien, I".© Johannes Stoll, Belvedere, Wien

Das eigentliche Kreuzfeuer über Wien malte Gerhart Frankl vom Oberen Belvedere aus, nachdem er 1948 aus dem englischen Exil zurückgekehrt war. Seine zahlreichen Skizzen und Gemälde der berühmten Ansicht haben wenig mit dem barocken Vorbild, dem 1759/60 für Maria Theresia gemalten Gemälde Bernardo Bellottos (genannt Canaletto) gemeinsam. Sie behandeln den Zweiten Weltkrieg und die Folgen, waren aber mitsamt Sonnenfinsternis und real nicht sichtbaren Flaktürmen auch eine subjektive Hommage an die Kunsthistoriker im Museum, die Frankl geholfen hatten.

Die momentane Diskussion um Aberkennung des Unesco-Weltkulturerbe-Status’ für Wien, ist für das Belvedere nur ein Anlass, um Hintergrund und Bedeutung des Motivs neutral zu betrachten. Die Serie kleinerer Ausstellungen im Oberen Belvedere "Im Blick" ist in die drei hinteren Räume des Erdgeschosses gewandert.

Information

Ausstellung

Der Canalettoblick

Belvedere, bis 14. Oktober

Wunschbilder

Da das Bellotto-Bild aus restauratorischen Gründen nicht an seinen Entstehungsort wandern durfte, wie zuletzt im Jahr 1966, ersetzt ein Life-Stream mit Webcam beides: den Blick auf das Gemälde im Kunsthistorischen Museum sowie den Blick draußen vor dem Schloss auf das Motiv Innenstadt.

Stadtansichten geben Wunschbilder wider - auch die Gebäude, die Bellotto malte, sind im Bild größer, wenn sie einen Zusammenhang mit der Kaiserin hatten. Denn die Neubauten nach den Türkenkriegen waren Prestigeprojekte, für die eine ideale Ansicht konstruiert wurde. Ob Bellotto damals im linken Turmzimmer überhaupt mit Hilfe der Camara Obscura arbeitete, gilt in Expertenkreisen als umstritten, denn wie frühe Fotografien zeigen, sind einzelne Gebäude eingeschoben.

Kurator Markus Fellinger hat Bekanntes wie Kurioses zum bis in die Gegenwartskunst virulenten Thema kombiniert - dabei werden neben Karikaturen und Zeitungscollagen auch die Standpunkte der Befürworter wie Gegner des Heumarktprojektes als unterschiedliche Bildkonstruktionen neben einander gestellt.

Künstlerische Kommentare von heute sind das Gemälde von Domenico Mühe 2010 und Gerhard Gutrufs Linolschnitt für seine Serie nach alten Meistern, das Blatt "Addio Canaletto", dazu seine Collagen befürchteter Wienansichten mit Hochhäusern, die sich nach dem Heumarktprojekt in Scharen auftürmen. Das erinnert an zwei Vorgänger: Adolf Loos hatte schon 1916 ein Hochhausprojekt mit ähnlich gerasterten Türmen am Parkring vorgeschlagen, gefolgt von den Utopien der Avantgarde um 1960, vor allem Hans Holleins Überbauung der Innenstadt durch riesige Steinklötze. Weniger witzig als diese "Steinzeit" für Wien ist der "Wolkenbügel" von Coop Himmelb(l)au von 2013, der wohl von der Jury als undurchführbares Heumarktprojekt im Gegensatz zu Isay Weinfeld/Sebastian Murr erkannt wurde. Die Proteste wegen Denkmalstatus und Identität einer Stadt sind an sich in ganz Europa vorprogrammiert, auch ohne "Canalettoblick" sind Hochhäuser in historischen Kernzonen unbeliebt. Doch bleibt der Standpunkt seitens dieser Schau offen.

Die Veduten der Familie Alt und ein Guckkastenblatt von Leander Russ führen auch zu einem Glasfenster mit der Ansicht von Carl Geyling 1844 und zu einer Bilderuhr von Carl Ludwig Hoffmeister 1830. Selbst die Kaiserliche Porzellanmanufaktur nahm sich der bekannten Vedute an, vorher waren Stiche und Radierungen ohne Garantie auf Genauigkeit. Damals bauten sich die Adeligen reihenweise ihre Sommer-Paläste mit Blick auf die ummauerte Innenstadt, Diskussionsstoff war das keiner, Demokratie und Schutzzonen lagen auch mit Bellottos Auftrag noch in weiter Ferne.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 17:43:40
Letzte Änderung am 2018-06-29 11:43:58


Bildende Kunst

Max Bühlmann

Geboren 1956 in Rickenbach, Luzern, Schweiz; Schule für Gestaltung, HGK, Luzern; Akademie der bildenden Künste Wien; zahlreiche Einzelausstellungen... weiter




Bildende Kunst

Stefan Zsaitsits

Geboren 1981 in Hainburg an der Donau; 2001-2006: Universität für angewandte Kunst Wien, Klasse Adolf Frohner; Diplom 2006 bei Prof... weiter




Bildende Kunst

Thomas Riess

1970 geboren in Tirol, 1995 Studium an der Universität Mozar-teum Salzburg, Klasse für Graphik und visuelle Medien, 2001 Diplom; zahlreiche Preise... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die stille Größe des Wolfgang Muthspiel
  2. 13. Nummer-eins-Album für Grönemeyer in Deutschland
  3. Elegante Düsternis
  4. Cowboys, die Pailletten lieben
  5. Musikalisches Manifest gegen Machismo
Meistkommentiert
  1. Cowboys, die Pailletten lieben


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung