• vom 08.07.2018, 08:30 Uhr

Kunst


Interview

"Menschen sind nicht unterdrückbar"




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Von Petra Paterno

  • Filmemacher und Autor Alexander Kluge über die Zukunft der Museen und warum er 12 Stunden Schlaf braucht.



Auf der Suche nach dem Gegenalgorithmus. Filmstill aus Alexander Kluges "Lebenszeit als Währung", 2017.

Auf der Suche nach dem Gegenalgorithmus. Filmstill aus Alexander Kluges "Lebenszeit als Währung", 2017.© Alexander Kluge Auf der Suche nach dem Gegenalgorithmus. Filmstill aus Alexander Kluges "Lebenszeit als Währung", 2017.© Alexander Kluge

"Wiener Zeitung":Sie sprechen davon, dass Museen zu Werkstätten werden, die sich bemühen, die Trennung zwischen den Künsten wieder aufzuheben. Wie kommen Sie darauf?

Alexander Kluge: Denken wir an die Renaissance. Es war eine Umbruchzeit, mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Neuerungen, zugleich wurden laufend Kriege geführt. Es war keine gemütliche Zeit. Wie hat die Kunst darauf geantwortet? Sie hat sich mit der Wissenschaft zusammengeschlossen, mit Literatur, Musik und Magie. Die Wunderkammern zeugen heute noch davon. So etwas Ähnliches brauchen wir heute auch, etwas, das alle Kräfte des Menschen vereint. Im Zeitalter von Silicon Valley brauchen wir so einen Gegenalgorithmus.

Information

Ausstellung
Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie
Belvedere 21. bis 30. Sept.
Alexander Kluge (86) gilt als Chronist der Gegenwart. Auch dürfte er einer der letzten Universalgelehrten sein. Bekannt ist Kluge als Filmemacher, Autor und Theoretiker. Mit Oskar Negt verfasste er etwa wegweisende Bände ("Der unterschätzte Mensch", 2001). Als Fernsehproduzent rief er mit seiner Firma dctp eine Plattform für unabhängige Programme ins Leben, seine vielfach ausgezeichneten Interviews sind legendär.

Alexander Kluge (86) gilt als Chronist der Gegenwart. Auch dürfte er einer der letzten Universalgelehrten sein. Bekannt ist Kluge als Filmemacher, Autor und Theoretiker. Mit Oskar Negt verfasste er etwa wegweisende Bände ("Der unterschätzte Mensch", 2001). Als Fernsehproduzent rief er mit seiner Firma dctp eine Plattform für unabhängige Programme ins Leben, seine vielfach ausgezeichneten Interviews sind legendär.© Arne Dedert/dpa Alexander Kluge (86) gilt als Chronist der Gegenwart. Auch dürfte er einer der letzten Universalgelehrten sein. Bekannt ist Kluge als Filmemacher, Autor und Theoretiker. Mit Oskar Negt verfasste er etwa wegweisende Bände ("Der unterschätzte Mensch", 2001). Als Fernsehproduzent rief er mit seiner Firma dctp eine Plattform für unabhängige Programme ins Leben, seine vielfach ausgezeichneten Interviews sind legendär.© Arne Dedert/dpa

Was haben Sie eigentlich gegen die Macher von Silicon Valley?

Gar nichts. Ich schätze die digitale Kultur, ich verehre die Mathematik, die dem Ganzen zugrunde liegt, die Mathematik ist die Sprache des Kosmos. Mich stört die Einseitigkeit, mit der man in Silicon Valley vorgeht. Die dortigen Algorithmen kennen kommunikativ nur Autobahnen. Wer will nur auf einer Autobahn leben? Wir Menschen brauchen etwas anderes, wir brauchen auch Waldwege. Das ist der Gegenalgorithmus. Kennen Sie das Märchen von Dornröschen? Das Geschirr reicht nur für zwölf weise Frauen, also wird die 13. Fee ausgeschlossen. Sie versetzt das ganze Schloss in hundertjährigen Schlaf. Das ist die Antwort auf den Algorithmus, der sich darauf beschränkt, wofür das Geschirr reicht. Wir Poeten sind die Advokaten der 13. Fee.

Sehen Sie gegenwärtig solche Werkstätten in den Museen?

Museen sind Orte, die Mut machen. Es gibt dort wunderbare Kunstwerke, die uns antreiben, Neues entstehen zu lassen.

Mit Ihrer Filmfirma dctp entwickeln Sie seit langem unabhängige Kulturmagazine in Zusammenarbeit mit Qualitätsmedien, ist das ein weiterer Versuch, einen Gegenalgorithmus zu finden?

Es ist eine Sammelstelle für Gegenvorschläge. Wir sind nicht groß, aber manchmal reicht ganz wenig als Gegengift, eine kleine Potenz kann große Wirkung erzielen, wenn andere sich daran entzünden. "Spiegel TV" ist beispielsweise durch uns entstanden.

Ihre künstlerische Arbeit entsteht in Kooperation mit anderen Künstlern, warum ist das für Sie wichtig?

Reibung ist wichtig, im Dialog blühe ich auf. Ich bin ein Anhänger der Schulpause, man rennt rum, tauscht sich mit anderen aus, kein Lehrer, keine Autorität kann da hineinregieren. So etwas gefällt mir. Aber ich brauche auch Phasen, in denen ich ganz alleine arbeite, man muss bei sich sein können. Deshalb schlafe ich jeden Tag zwölf Stunden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 16:13:52
Letzte Änderung am 2018-07-07 18:24:27


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