• vom 12.07.2018, 16:31 Uhr

Kunst

Update: 12.07.2018, 17:06 Uhr

Ausstellungskritik

Vom Glamour zum Entsetzen




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • "Machen Sie mich schön, Madame D’Ora!": das Leopold Museum zeigt die Fotografin Dora Kallmus.

Dora Kallmus’ Porträtfoto machte Maurice Chevaliers charakteristische Pose zur Visitkarte des Künstlers.

Dora Kallmus’ Porträtfoto machte Maurice Chevaliers charakteristische Pose zur Visitkarte des Künstlers.© Photoinstitut Bonartes, Wien Dora Kallmus’ Porträtfoto machte Maurice Chevaliers charakteristische Pose zur Visitkarte des Künstlers.© Photoinstitut Bonartes, Wien

Eigentlich wollte die 1881 in Wien in eine gutbürgerliche jüdische Familie geborene Dora Philippine Kallmus Schauspielerin werden, auch zur Mode fühlte sie sich hingezogen. Doch es wurden 50 Jahre als Fotografin mit Ateliers in Wien und Paris: Vielleicht war es der Vater, der lieber diese Ambitionen unterstützte, oder eine unglückliche Liebe zu einem verheirateten Mann. Wichtig ist der Einfluss einer liberalen Umgebung mit Bekannten wie Bertha Zuckerkandl und Verwandten wie der Familie Wittgenstein - jedenfalls machte Kallmus, nach einer Lehre beim Sohn des Malers Hans Makart und auf der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt bei Josef Maria Ender, 1906 ihren Gewerbeschein.

Nach einem Praktikum bei Nicola Perscheid in Berlin eröffnet sie 1907 ihr Atelier D’Ora, mit dem Willen, sich von Berufsfotografen durch künstlerischen Anspruch zu unterscheiden. Da Ender sie später als Lehrende engagierte und sie eine berühmte Klientel bekam, ist das als gelungen zu bezeichnen. Zu ersten Porträtaufnahmen kamen Gustav Klimt, Hermann Bahr oder Anna Sacher.

Information

Ausstellung
Machen Sie mich schön, Madame D‘ Ora!
Monika Faber, Magdalena Vukovic (Kuratorinnen)
Leopold Museum
bis 29. Oktober

Inszenierung der Motive

Immer noch ist Dora Kallmus neben ihrer Schülerin Trude Fleischmann Österreichs bekannteste Fotografin des 20. Jahrhunderts. Mit einem Schwerpunkt auf den Wiener Jahren trägt ihre Personale zum Gedenkjahr 2018 im Leopold Museum bei, da sie das ganze Umfeld von Secession und Wiener Werkstätte vor der Kamera hatte. Sie spezialisierte sich (neben theatralisch inszenierten Porträts) auf Mode. Auf der einen Seite standen Angehörige der Hocharistokratie als Kunden mit Familienbildern oder Festen, auf der anderen die Avantgardekünstler und ihr intellektuelles Umfeld. Damals etablierte sich Fotografie für Zeitschriften, was Dora Kallmus später mit Essays und Kommentaren nutzte.

Die Ausstellung war zuerst zu sehen im Hamburger Museum für Kunstgewerbe, das einen großen Teil des Nachlasses von Kallmus besitzt, in Wien ist sie anfangs und auch mit Blick auf die späten Jahre nach der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erweitert.

Das erlittene Trauma durch die Ermordung ihrer Schwester in einem Konzentrationslager und den Verlust allen Besitzes wird als Stilbruch auch im Katalog breit beleuchtet. Der mittlere Teil behandelt Dora Kallmus’ vielfältige Methoden und Themen, verbunden mit Zeitschriften in Tischvitrinen und Modelkleidern von Coco Chanel, anderen Modeschöpferinnen und Hutmacherinnen wie Madame Agnès. Da steht dann nach einer Favoritin wie der kapriziösen Josephine Baker um 1930 Maurice Chevalier am Ende, den sie über Jahrzehnte fotografierte, von der Bühnenpose bis zum intimen Blick auf den Schlafenden 1955.

Frühe Vermarktung

Von Alma Mahner soll die Aufforderung stammen, sie noch schöner zu machen durch Retuschen von Rundungen. Dora Kallmus inszenierte vor allem aber Mileva Roller, Oskar Kokoschka oder auch Tänzerinnen wie die Geschwister Wiesenthal oder Theatermacher wie Max Reinhardt. Sie vermarktete sich früh über Kataloge und Ausstellungen. Schon 1928 hing sie neben Man Ray und Germaine Krull im Pariser Salon Independent. Sie holte Arthur Benda als Partner in ihr Wiener Atelier, mit dem sie nach Abgang über Karlsbad nach Paris nach 1923 einen Prozess um den Namen D’Ora führte.

1939 musste sie das Pariser Atelier aufgeben und nach der Flucht in die Berge Zentralfrankreichs 1942, wo sie nur schreiben, aber nicht als Fotografin arbeiten konnte, kam eine radikale Wandlung. Das Trauma löst ihre von Jean Cocteau als genial gelobten, dem Surrealismus nahestehenden Spätwerke aus, die Aufnahmen in Pariser Schlachthäusern und die wohl im Auftrag der UNO in Österreich aufgenommen Dokumentationen in Flüchtlingslagern. Die weiter gemachten Prominentenporträts zeigen neben Anflügen von Melancholie und Exzentrik Anspielungen auf Ermüdung und Tod. Sie werden in einer eigenen Schau im Herbst im Photoinstitut Bonartes genauer beleuchtet.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-12 16:37:57
Letzte Änderung am 2018-07-12 17:06:10


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