• vom 16.07.2018, 16:34 Uhr

Kunst

Update: 16.07.2018, 19:53 Uhr

Ausstellungskritik

Bilder betreten




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Konzeptkünstler Olaf Nicolai bespielt neben der Kunsthalle mehrere Orte in Wien mit "There Is No Place Before Arrival".

Olaf Nicolai: Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz. Ballhausplatz, Wien

Olaf Nicolai: Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz. Ballhausplatz, WienFoto: © Iris Ranzinger, KÖR GmbH, 2014 Olaf Nicolai: Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz. Ballhausplatz, WienFoto: © Iris Ranzinger, KÖR GmbH, 2014

Seit 25 Jahren ist der deutsche Konzeptkünstler Olaf Nicolai, der 1983 bis 1988 in Leipzig, Budapest und Wien Germanistik studierte und über die "Wiener Gruppe" seine Dissertation schrieb, aus dem Kunstbetrieb nicht mehr wegzudenken. Zweimal Documenta, mehrere Beiträge auf der Biennale in Venedig und seit 2011 eine Professur für Bildhauerei in München verweisen auf seine Gabe, die Diskussion zu Bild- und Sprachpolitik und einen neuen Umgang mit Konzeptkunst in Spannung zu halten.

Erweiterungen in
alle Richtungen

Information

Ausstellung
Olaf Nicolai. There Is No Place Before Arrival
Luca Lo Pinto (Kurator)
Kunsthalle
Bis 7. Oktober

Neben partizipativen Projekten für das Publikum baut er sinnliche und poetische Elemente ein, die trockene Theorie ist überwunden. Nach dem Soziologen Jeremy Rifkin ist für den Künstler "die Produktion von Kultur" zwar nur "die letzte Stufe des Kapitalismus", er bereichert diese aber mit einem kritischen Blick auf Institutionen und Orte, in und an denen er seine Bilder oder Gesten platziert. In Kooperation mit Musikern und Performern werden partizipativ Objekte und historische Themen animiert. Hier in Wien läuft, neben der Schau in der Kunsthalle, eine Erweiterung in andere Museen, im öffentlichen Raum und über museum in progress in verschiedene Medien - so wird im Herbst auch die "Wiener Zeitung" Fotografien seiner Installationen als Teil des Ausstellungskonzepts "There Is No Place Before Arrival" weiterverbreiten.

Ist Helene Weigel auf Wien-Besuch? Ihr roter Dienst-Mercedes vor dem Burgtheater spielt an auf den Brecht-Boykott des Hauses und auf Privilegien von Künstlern, die es sich richten.

Ist Helene Weigel auf Wien-Besuch? Ihr roter Dienst-Mercedes vor dem Burgtheater spielt an auf den Brecht-Boykott des Hauses und auf Privilegien von Künstlern, die es sich richten.© Bildrecht, Wien Ist Helene Weigel auf Wien-Besuch? Ihr roter Dienst-Mercedes vor dem Burgtheater spielt an auf den Brecht-Boykott des Hauses und auf Privilegien von Künstlern, die es sich richten.© Bildrecht, Wien

Genau besehen sind die zeitgleichen Personalen Nicolais in der Kunsthalle Bielefeld und dem Kunstmuseum von St. Gallen weitere Teile seiner vielfältigen Strategien, doch steht in Wien schon ein ganzer "Surway" (Kurator Luca Lo Pinto) an, um alle Stationen zu erfassen. In der Kunsthalle hat Nicolai durch Bühnen- und Pflastermaler auf einen eingezogenen Theaterboden 22 unterschiedlich große Bilder in Kreide und Farbe malen lassen. Die Sujets der Bildteppiche stammen aus Zeitungen seines Privatarchivs und betreffen Themen wie Migration, Vertreibung, Naturkatastrophen wie auch -zerstörung, Krieg, Robotik, Klone, Container, Protestaktionen oder etwa die Wollproduktion in Ulan-Bator. Da sie vom Publikum betreten werden dürfen, verändern sich die Bilder wohl bis zur Unlesbarkeit und werden mit (den Schuhen) hinausgetragen, auch von Performern, die hier zu bestimmten Zeiten intervenieren.

"Hinaus", das heißt entweder in das Zoom Kindermuseum nebenan, für das Nicolai einen Workshop mit Malen nach den "Proportionsanordnungen" von "Übermaler" Arnulf Rainer entwickelt hat, oder über den Heldenplatz zum NS-Deserteursdenkmal am Ballhausplatz, das Nicolai 2014 für Wien entworfen hat. Dort werden die Vocalsolisten aus Stuttgart im September a cappella Stücke neuerer Komponistinnen wie Olga Neuwirth zu aktuellen politischen Ereignissen aufführen. Nicht weit weg hat Nicolai das von ihm erworbene und wieder fahrtauglich gemachte Dienstauto von Helene Weigel als Direktorin des Berliner Ensembles geparkt. Der rote Mercedes Benz Ponton wurde 1967 nach dem Mauerbau nach Ostberlin gebracht und zeigt als Fetisch des kapitalistischen Westens nicht nur die Anachronismen damaliger DDR-Politik - er erinnert an die Österreicherin Helene Weigel und an den "Brecht-Boykott" von 1953 bis 1963 in Wien, der erst mit einer Aufführung im Volkstheater beendet wurde. Vor diesem wird das Auto dann nach dem prominenten Abstellplatz vor dem Burgtheater im Herbst stehen.

Der "poetische Act"
im Nobel-Antiquariat

Im Sigmund Freud Museum geht die Kunstreise weiter mit einem Video Nicolais, das er anlässlich der Biennale von Ramallah produzieren ließ. Es geht um die erste Arabischübersetzung von Freuds Schrift "Trauer und Melancholie", die er dem Publikum 2009 kostenlos zur Verfügung stellte und den Text auch in regionalem Dialekt im Rundfunk übertragen ließ. Die Originalübersetzung liegt in Textform neben dem Video und soll auf die in der arabischen Welt davor nahezu unbekannte Psychoanalyse verweisen.

Bleibt noch die Erweiterung der "Nicolai-Festspiele" auf das Antiquariat Fritsch in der Schönlaterngasse. Am Treffpunkt der Avantgarde nach 1945 kommt H. C. Artmann mit seinem Manifest "Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes" von 1953 zur Sprache, inszeniert im Innenraum wie im Schaufenster, jedoch ganz so wie in Nicolais Statements "frei von Eitelkeit und voll heiterer Demut". Das wird unterstrichen von vielfältigen Literaturvorschlägen zu den Bildteppichen im Booklet, sie reichen von Homer über William Shakespeare bis zu Meret Oppenheim und Elfriede Jelinek. Doppelblick allein genügt nicht, Werner Hofmanns "Polyfokalität" als künstlerische Methode der Kunst wird hier weiterverhandelt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-16 16:41:02
Letzte Änderung am 2018-07-16 19:53:40


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