Die Feststellung, dass in Österreichs Moderne immer eine rückwärtsgewandte Utopie herrschte, wurde von Friedrich Achleitner anlässlich seiner Wiener Vorlesung 1993 getroffen. Das erweist sich auch in Sachen Fotografie seit 1918 als treffende Charakteristik. Monika Faber und Susanne Neuburger haben als Kuratorinnen von "Photo/Politics/Austria" im Mumok einen gelungenen Versuch unternommen, aus einer Vielfalt von Formaten für jedes Jahr seit 1918 ein Foto oder eine Fotoserie auszuwählen. Sie tun dies in einem Display von Markus Schinwald, das farblich an seinen Lehrer Bruno Gironcoli erinnert, formal aber noch weiter zurückweist auf eine begehbare Camera Obscura oder andere frühe Apparate. Die Vielfalt ist keineswegs auf künstlerische Fotografie beschränkt, auch wenn die Schau in einem Kunstmuseum angesiedelt ist, es handelt sich auch um anonyme Dokumentation, Wahl- und Propagandaplakate, Filmstills, Collagen, alles Leihgaben privater Sammler und viele Archivalien.

Science Fiction 1952: "1. APRIL 2000" - © Mumok/Filmarchiv Austria
Science Fiction 1952: "1. APRIL 2000" - © Mumok/Filmarchiv Austria

Die Idee Neuburgers kombiniert das politisch wie methodisch kritische Konzept Fabers, es entspricht in seiner Vielschichtigkeit ihrer Strategie, mit dem hier kooperierenden Photoinstitut Bonartes Fotografie als bildliches Zeichen historischer Umbrüche und genau bestimmbarer Bildpolitiken zu betrachten. Das heißt aber auch, sie nicht nur auf eine Aufzählung großer Namen, bestimmte Techniken und ikonische Beispiele zu reduzieren: so ist nicht die bekannte Belvedere-Balkonszene zum Staatsvertrag 1955 als Bild dieses Jahres ausgewählt, sondern die im Marmorsaal wartende Journalistenschar von Franz Votava. Nicht der Skandal durch den aktionistischen Stadtspazierer Günter Brus, sondern die Happeningaktion von Kiki Kogelnik am Kärntner Ring, eine Schenkung der Kogelnik-Foundation an das Mumok, steht für 1967. Nicht Sound of Music als immer noch allgemein präsentes musikalisches Großereignis 1965, sondern die Beatles in Salzburg im Schnee beim Dreh von "Help", abgelichtet von Christian Skrein, schiebt sich hier nach vorne.

Bekannte "Wegmarken" sind eben auch "Schlagbilder" für Faber, Siegfried Kracauer hat auf die Ambivalenz von spontaner Sicht und kalkuliertem Einsatz gesprochen: das Fussball-Wunderteam steht 1931 dem Gegenbild einer Fotomontage von Friedl Dicker-Brandeis "Das Bürgertum faschistiert sich" gegenüber. Erinnerungspolitik war das Bild des aufgebahrten Engelbert Dollfuß 1934, er muss zugunsten einer anonymen Aufnahme am Londoner Flughafen am Weg zur Weltwirtschaftskonferenz in London 1933 zurückweichen. Im Blick auf den Bildmissbrauch der NS-Propaganda könnte wie die Jahre des Bürgerkriegs davor vorbildlich für die Bildgestaltung im Haus der Geschichte sein, da hier durch das Archiv der ehemaligen Arbeiter-Zeitung und das erste professionell mit Fotografien ausgestattete Magazin "Kuckuck", das 1934 verboten wurde, ausgeglichen. Auf der Einladung findet sich ein Filmstill aus dem Jahr 1952 mit Ufo und Astronauten vor Schloss Schönbrunn für den Science-Fiction-Film "1. April 2000".

Schnappschuss und Kunstfoto

Das war nach Ernst Haas’ fotografischer Dokumentation des Lebens in Wiens Bombenruinen, und Viktor Matejkas antifaschistischer Ausstellung "Niemals vergessen!" von 1946. Haas, aus dem New Yorker Exil heimgekehrt, vereinte Kunst und Doku, wie auch Barbara Pflaum, Franz Hubmann und der amerikanische Bilderdienst als Keimzelle des freien Fotojournalismus mit zahlreichen unbekannten Beiträgen. Votava hat auch Karl Schranz am Heldenplatz, den Handshake von Innenminister Otto Rösch mit Terrorrist Carlos sowie Thomas Bernhard und Claus Peymann auf der Bühne des Burgtheaters nach Uraufführung von "Heldenplatz" 1972 bis 1988 festgehalten, ein anonymer morgendlicher Knipser 1976 die eingestürzte Reichsbrücke, gefolgt vom Holzpferd gegen Kurt Waldheim.

Elfie Semotan wurde 1981 für ihre "Trau dich doch" Wäschefotoplakate von Feministinnen angegriffen, neutral dazu Karoly Matusz’ fröhlicher Fall des "Eisernen Vorgangs" 1989 oder Gert Eggenbergers Apa-Aufnahme von Jörg Haiders Unfallwagen 2008. Zur Selbstreflexion bleiben Kunstfotos eines Bernhard Leitner oder einer Ingeborg Strobl, auch Mattias Herrmanns rote Secession.