• vom 22.08.2018, 15:57 Uhr

Kunst


Brust

Die reichen und die armen Sklaven




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Von Stefanie Schermann

  • "Schwarzarbeiter, kriegst ein Wasser": Mit Brust und Laster zu faireren Arbeitsbedingungen am Wiener "Arbeiterstrich".

Vor dem "OBI" auf der Triester Straße stehen Arbeiter, und mit ihnen der Brust-Brunnen. - © Joanna Pianka

Vor dem "OBI" auf der Triester Straße stehen Arbeiter, und mit ihnen der Brust-Brunnen. © Joanna Pianka

Wien. Milan möchte eine Maschine bauen, die selbständig Luftballons aufbläst. Er fährt zum Baumarkt auf der Triester Straße im 10. Wiener Gemeindebezirk. Er hat noch keinen genauen Plan, wie er die Maschine bauen will. Er hat aber Ideen und holt sich Material. Beim Rausgehen aus dem Baumarkt wird er von einem Mann angesprochen. "Brauchst du Hilfe?" Der Mann spricht nur gebrochen Deutsch, aber diesen Satz hat er schon so oft gesagt, dass er sitzt. "Eigentlich schon", sagt Milan.

Der Mann folgt Milan in sein Atelier. Milan ist Künstler und Architekt. Er schildert dem Mann seine Vorstellungen von der Maschine, zeigt ihm die Kiste, in der die Maschine entstehen soll. Der Mann nickt, er könne helfen. Dann setzt sich der Mann in die Kiste und beginnt, selbst die Luftballons aufzublasen. So entsteht Milan Mijalkovics erstes "Schwarzarbeiter-Kunstwerk" mit dem Titel "The Monument of the Working Man". Es sollen noch einige mehr folgen.


Die Wiener Maria
Mijalkovics neuestes Projekt ist ein Kastenwagen mit einer zwei Meter großen weiblichen Brust aus Acryl, dort, wo der Laden des Lasters hinten aufgehen sollte. Der Wagen wird acht Tage lang ab 7.30 Uhr zwischen der Triester Straße, der Herbststraße und der Brünner Straße verkehren. Dort befindet sich der sogenannte "Arbeiterstrich": Männer, die in Österreich eigentlich nicht arbeiten dürfen, stehen hier, vor dem "Bauhaus" und der Tankstelle herum und warten darauf, abgeholt zu werden. Wofür? Um illegal Bauarbeiten zu verrichten, auf Großbaustellen, aber auch für einzelne Häuslbauer. Manche von ihnen sind gelernte Handwerker. Andere nicht. Alle müssen sich und ihre Familien versorgen. Ob sie für ihre Arbeit am Ende des Tages Geld erhalten werden, wissen sie nicht.

Auf Mijalkovics Installation, dem Kleinlaster mit der Brust, steht ein Ausschnitt aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. "Jeder hat das Recht auf Arbeit und freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen", lautet der erste Satz, weiße Buchstaben auf weißem Grund. Mittig dann ein Ausspruch in Schwarz: "Schwarzarbeiter, Schwarzarbeiter, kriegst ein Wasser". Die Brust ist nämlich eigentlich ein Brunnen mit Trinkwasser. Die "Wiener Maria", also die österreichische Version der Gottesmutter, tränkt per Pumpstoß die Arbeiter.

Kunst und Verantwortung
Mijalkovics hat bewusst starke Symbole gewählt. Das minimalste Mittel zur Sicherstellung des Überlebens: frisches Wasser. Der Lieferwagen als eine "Maschine des Kapitalismus", doch zugleich auch eine Waffe gegen das System - nicht zuletzt veranschaulicht durch den mit solch einem Wagen verursachten Terroranschlag am Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Die entblößte Brust als Zeichen von Verletzlichkeit und zugleich der gegenseitigen Abhängigkeit von Mutter Staat und ihren Kindern - allen Kindern, auch den ungewollten. Mijalkovics stammt aus Mazedonien und hat Architektur an der TU Wien studiert. Er sieht, dass Künstler nicht selten Missstände in der Gesellschaft auf- und soziale Verantwortung zeigen - für ihn konträr zum eigentlichen Wesen der Kunst, die sich so gern verantwortungslos gibt. "Man verschickt keine Botschaften, die morgen verwirklicht sind", antwortet der Künstler auf die Frage, ob er mit seiner Kunst denn etwas bewirken will. Dennoch ist er Sprachrohr für die Arbeiter, die als Nicht-Österreicher nicht das Recht darauf haben, gegen ihre unfairen, oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu protestieren.

Am "Arbeiterstrich" kommen täglich unzählige Pendler auf dem Weg ins Büro vorbei. "Reiche Sklaven" nennen die Schwarzarbeiter jene, die täglich vor den immergleichen Bildschirmen sitzen und eintönig vor sich hin tippen. Das Wort "rabota" heißt in vielen slawischen Sprachen "Arbeit", auf Altslawisch bedeutet es "Sklaverei". Die Büro-Arbeiter mögen Sklaven ihrer Arbeit sein, doch erhalten sie sichere 14 Gehälter und sind gegen Unfälle und Arbeitslosigkeit versichert. Den "armen Sklaven", den Schwarzarbeitern, bleibt derzeit nur ihr Wasser.




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Dokument erstellt am 2018-08-22 16:05:44


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