• vom 23.08.2018, 16:10 Uhr

Kunst

Update: 23.08.2018, 16:24 Uhr

Ausstellungskritik

Spagat hinter der Kamera




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum präsentiert den Klimt-Freund und Fotografen Moriz Nähr.

Aus den Bilderchroniken der Wiener Moderne: Gustav Klimt im Garten seines Ateliers.

Aus den Bilderchroniken der Wiener Moderne: Gustav Klimt im Garten seines Ateliers.© ÖNB/Wien Aus den Bilderchroniken der Wiener Moderne: Gustav Klimt im Garten seines Ateliers.© ÖNB/Wien

Ganz im Gegensatz zu seinen Freundschaftsbildnissen von Gustav Klimt blickt uns der Fotograf Moriz Nähr (1859-1945) um 1900 mit dämonisch-ernstem Blick an. Doch nicht jedes Selbstbildnis zeigt eine derart strenge Pose - auch als Imperator mit Reichsapfel beim Gschnasfest und als Possenreißer tritt er vor die Kamera. Da er nach einer Praxis im Fotoatelier seines Bruders in Mähren und einer kurzen Lehre an der Angewandten auch Malerei an der Akademie studierte, signierte Nähr als Maler und Fotograf. Ein gemaltes Selbstporträt verortet ihn als Realisten nahe an Josef Engelhart, eine Fotografie empfindet dessen Kirchtagstanz nach. Nährs erste Fotografien zeigten Landschaften, oft mit dem Wien-Fluss und Stadtveduten, mit deren künstlerischem Anspruch er es schnell in Ausstellungen schaffte. Als Mitglied der Photographischen Gesellschaft kam er zu Aufträgen der Künstlergruppe Hagen und später der Secession.

Moderne und erzreaktionäre Kunden

Information

Ausstellung

Moriz Nähr. Fotograf der Wiener Moderne

Uwe Schögl (Kurator)

Grafisches Kabinett, Leopold Museum, bis 29. Oktober

Seit 1890 arbeitete er als freier Fotograf, allerdings nicht wie Dora Kallmus mit Atelier und Anschluss an die Modewelt; Nähr lebte von Auftraggebern, die ihn jahrelang beschäftigten. Dabei schaffte er den größtmöglichen gesellschaftspolitischen Spagat, denn er war der Porträtist der Wiener Moderne, aber auch "Kammerfotograf" von deren ausgesprochenem Gegner, Thronfolger Franz Ferdinand. Auf der einen Seite die Fotoserien von Klimt wie zur Kunstschau 1908, auf der anderen Seite der höfische Arbeitgeber, der diesen Künstlern drohte und sich mit Jagdstrecken ablichten ließ. Solche Gegensätze (wie auch bei den Inhalten seiner Fotografie) dürften Nähr aber nicht gestört haben. Vor allem die Unterstützung durch die bekannte Familie Wittgenstein sicherte nach der Auflösung der Secession in den 1920er Jahren sein Einkommen.

So gibt es in Nährs immer noch aufzuarbeitendem Œuvre neben der klassischen Porträtgattung anfangs überaus malerische Landschaftsaufnahmen, wobei er bald stark durch die Bilder Klimts beeinflusst war - Vergleiche führen das in der neuen Schau im Leopold Museum überzeugend vor. Nährs Ansichten des alten Wien, das durch die Stadtplanung Otto Wagners zum Teil verschwand, zeigt eine andere, fast nostalgische Seite, die eher parallel zu den Aquarellen Rudolf von Alts zu sehen ist - wobei jener sogar auf einem Foto im Vordergrund malt.

Den wichtigsten Block in der Ausstellung bilden aber die Aufnahmen, die Nähr von den Aktivitäten in der Secession und im Atelier Klimts als Bilderchronist der Wiener Moderne um 1900 festgehalten hat. Wie freundschaftlich ihm Klimt verbunden war, zeigt dessen sprechend wohlgesinnter Gesichtsausdruck auf dem als Ikone gehandelten Foto im Garten vor dem Atelier in der Josefstädter Straße im Malerkittel mit Katze am Arm. Das glatte Gegenteil des strengen Selbstauftritts von Nähr - so locker gibt es Klimt sonst nicht, und das Augenblickliche, scheinbar Zufällige scheint den beiden Spaß gemacht zu haben.

Nähr war am Schillerplatz durch ein Gastsemester bei dem Architekturprofessor Georg Niemann auf die perspektivische Komposition von Innenräumen (als wissenschaftlichem Part der Fotografie in Vergleich mit der Malerei) gestoßen. Er übernahm dann auch in seiner bekannten Serie von Aufnahmen des Wittgensteinhauses Anregungen aus Niemanns Lehrbuch zur Linearperspektive - bleibt allerdings dokumentarisch, ohne die abstrakte Inszenierung des "Neuen Sehens". Parallelen finden sich auch zum Pariser Kollegen Eugène Atget, Nährs Landschaftsaufnahmen wiederum weisen Einflüsse aus England auf - internationale Wechselwirkungen, die durch Nährs Mitgliedschaft im Deutschen Werkbund und die Gründung des österreichischen Ablegers bestätigt werden.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 16:20:45
Letzte Änderung am 2018-08-23 16:24:57


Bildende Kunst

Stefan Zsaitsits

Geboren 1981 in Hainburg an der Donau; 2001-2006: Universität für angewandte Kunst Wien, Klasse Adolf Frohner; Diplom 2006 bei Prof... weiter




Bildende Kunst

Thomas Riess

1970 geboren in Tirol, 1995 Studium an der Universität Mozar-teum Salzburg, Klasse für Graphik und visuelle Medien, 2001 Diplom; zahlreiche Preise... weiter




Bildende Kunst

Maria Bergstötter

Geboren 1961 in Braunau am Inn, Oberösterreich; Studium an der Akademie der bildenden Künste und an der Hochschule für angewandte Kunst... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vergessene Fortsetzung
  2. Dreidimensionale Musik
  3. Abseits der Konventionen
  4. "Umgeben von Brex-Shitters"
  5. Infizierend


"Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959. Bille August.



Werbung