• vom 28.08.2018, 18:45 Uhr

Kunst

Update: 28.08.2018, 18:55 Uhr

Hermann Nitsch

Seelenarchäologie antiker Mysterien




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Zum 80. Geburtstag von Nitsch: Seine Kunst speist sich aus der Antike, aktualisiert Dionysos- und Mithras-Kult.



Hermann Nitsch (hier bei einer Aktion 1997) wird heute 80.

Hermann Nitsch (hier bei einer Aktion 1997) wird heute 80.© APAweb / Heinz Tesarek Hermann Nitsch (hier bei einer Aktion 1997) wird heute 80.© APAweb / Heinz Tesarek

Der am 29. August 1938 in Wien geborene Hermann Nitsch wuchs wie viele Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg vaterlos auf. Trotz künstlerischer Ambitionen arbeitete er im Technischen Museum als Grafiker. Um 1960 traf er auf die späteren Vertreter des "Wiener Aktionismus" und Adolf Frohner, gemeinsam sprengten sie künstlerische Grenzen, was ihn ermutigte, den Brotberuf aufzugeben. Seine erste "Lammzerreißung" war Teilverwirklichungen des ab 1956 geplanten "Orgien Mysterien Theaters". Nitschs Großvater förderte das Zeichnen, dazu kam die expressionistische Lektüre von Georg Trakl und Stefan George. Die Vorliebe, Fleisch und Blut in ein neues Raumkunstwerk zu bringen, begann mit in Kreuzform gehängtem Lamm und exzessiver Dramaturgie der Blutschüttung, später wurden nach antiken Kulten warme Innereien auf den Körper mitwirkender Modelle mit verbundenen Augen gelegt und mit Blut überschüttet. Das sinnliche Erlebnis sollte so gesteigert werden und in die sterile Kunstbetrachtung ablösen, wesentliche Anregungen kamen aus dem "Theaters der Grausamkeit" Antonin Artauds.

Artaud ist für die avantgardistische Destruktionskunst der "Wiener Aktionisten" und Performances der "feministischen Avantgarde" wichtig, denn er beförderte drastische Bilder als Gesellschaftskritik nach dem Grauen des Naziterrors. Günter Brus und Otto Muehl trieb wie die "Wiener Gruppe" mit ihren Sprachkabaretts die Kritik an nicht aufgearbeiteter Vergangenheit Österreichs stärker an als Nitsch und Rudolf Schwarzkogler. Daher waren beide in der eskalierenden Aktion an der Wiener Universität, "Kunst und Revolution", 1968 nicht anwesend und Nitsch trotz folgender gemeinsamer Flucht vor der Justiz Richtung Deutschland an Politik wenig interessiert.

Information

Im Nitsch Museum Mistelbach wird am Samstag, 1. September, mit einer Aktion mit Sinfonie gefeiert.
Angeregt vom römischen Dichter Lukian: Hermann Nitsch.

Angeregt vom römischen Dichter Lukian: Hermann Nitsch.© apa/Georg Hochmuth Angeregt vom römischen Dichter Lukian: Hermann Nitsch.© apa/Georg Hochmuth

Kretische Höhlenlabyrinthe

Nitschs Orgien Mysterien Theater (OMT) aktualisiert antike Dionysos-Kulte, dazu kommt der Chor des griechischen Theaters in seiner (Lärm-)Musik. Frühe Auftritte im Atelierkeller der Perinetgasse bescherten ihm den erweiterten Blick auf kretische Höhlenlabyrinthe, antike Mysterien und den Mithras-Kult in unterirdischen Räumen. Teil des OMT ist die unterirdische Geografie, die nicht nur die Alten Ägypter als eine Zone von Tod und Wiederauferstehung für die präparierten Körper sahen. Die frühe "Einmauerungsaktion" der Aktionisten (noch mit Frohner) vermittelt männliche Isolation der Mithrasjünger und des vergeistigten frühen Mönchstums. Frauen wurden zu den Zerreißungsritualen erst später zugelassen, das erinnert auch an die "Münchner Kosmiker" und den Georgekreis, die künstlerische Form sakralisierten und das Theater in rauschhafte Geistesriten zurückverwandeln wollten. Frohner hat mit Muehl während der Einmauerung Rosshaar und Draht aus Matratzen gerissen und sie als neue Bildobjekte mit Farbe besudelt. Nitsch verwendete bald statt der auf Leintücher geschütteten roten Farbe Blut und Urin, um die rituelle "Befleckung" zu verdeutlichen.




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Schlagwörter

Hermann Nitsch, Antike, Kunst

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-28 15:53:50
Letzte Änderung am 2018-08-28 18:55:55


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