Man beschwor neue Gesamtkunstwerke, hundert Jahre nach der Romantik mit Richard Wagner bis zu Expressionisten wie Oskar Kokoschka, der sein Skandalstück "Mörder Hoffnung der Frauen" bereits in der "barbarischen" Antike voll archaischer Blutrituale ansiedelte. Mit Blick auf die Gegenwart hat Nitsch seine Inspiration aus vielen literarischen Überlieferungen gefiltert, die Vitalisierung der Kultur propagierte Friedrich Nietzsche, dessen Schrift zur Geburt der Tragödie aus blutigen Ritualen, die durch das antike Theater sublimiert wurden, dreht er um zum Rückweg in die fleischliche Wirklichkeit der Archaik.

Bluttaufe mit 25 Litern

Eine Anregung kam durch den Bericht des römischen Dichters Lukian über den Priesterkaiser Heliogabal, der die "Bluttaufe" (Taurobolion) von Syrien und Phrygien nach Rom brachte. (Dabei wurde erstmals in Pessinus ein Myste mit verbundenen Augen in eine Grube gestellt, die mit Brettern lose bedeckt war, auf denen ein Stier geschlachtet wurde. Etwa 25 Liter warmes Blut ergossen sich über den damit Eingeweihten). Heliogabal vereinte Dionysos mit Sonnen- und Mutter-Kult, wobei er schon in seiner Heimat Emesa während Kultspielen Opfertiere von Türmen in die rasende Menge werfen ließ, was in Zerreißungen mündete. Neben einer Bearbeitung von "Ödipus Rex" fasziniert Nitsch in frühen utopischen Dramaentwürfen wie "Esos" das Menschenopfer als blutige Wurzel der Tragödie. Der Umgang mit einem Leichnam, der ausgeweidet mit Rosen gefüllt wird, ist am ehesten mit Gregor Schneiders Planung eines Sterberaumes in einem Museum vergleichbar. Leichen sind für die Kunst nach wie vor tabu, weil Totenruhestörung ein Delikt bleibt. In "Brod und Wein" Friedrich Hölderlins spricht die gar nicht harmlose Romantik von kannibalistischen Fantasien. Das Essen eines geliebten Körpers geht zurück bis zu Zerstückelungsmythen der Prähistorie und des ägyptischen Unterweltsgottes Osiris, auf die eine Reunion der Teile zu neuem Leben folgt.

Mythos ist nicht Logos und so ist Kritik an Nitsch meist unwissenschaftlich, an moralische Verdrehung gebunden, die vieles in politisch falsche Kanäle lenkt. Skandalisierung ist im Aktionismus einbezogen, Werner Hofmann verwies bereits auf schwammige Übergänge zu religiösen Aspekten. Opfer- und Strafrituale entlarvte er kühl als sadomasochistisch und exhibitionistisch, einige Methoden rückte er in die Nähe des ästhetischen Fundamentalismus, obwohl diese Avantgarde das konservative Publikum zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus lenken wollte. Dazu sah er den Bezug zu 1906 vermerkten Selbstverstümmelungsfantasien Hermann Bahrs. Eva Baduras Ausstellung "Körper, Psyche und Tabu" hat 2016 Wien um 1900 und den Wiener Aktionismus im Mumok zudem mit der wichtigen Rezeption der Aristotelischen Katharsislehre durch Sigmund Freud und Jacob Bernays verbunden, die Nitschs "Seelenarchäologie" beflügelt.

Zwei eigene Museen

Der kleine Kreis quasi "Eingeweihter" ins OMT wurde groß. 2005 bekam Nitsch den Staatspreis für bildende Kunst zugesprochen. Er ist in Theaterprozessionen in "Burg und Oper" eingezogen und ist einer der wenigen Künstler, dessen Werke in zwei Museen, in Neapel und im niederösterreichischen Mistelbach, dazu einer Foundation in Wien, ständig gezeigt werden.

Die "existenzsacrale" Blutmalerei ist in 60 Jahren verblasst und wurde ab 1981 durch haltbare Farbschüttungen ersetzt, es gibt Filme und Fotos zu den ab 1971 im Schloss Prinzendorf tagelang zelebrierten Pfingstfesten, Relikte wie Bahren, Malhemden, Binden, viele Partituren und Zeichnungen. Einige Tierschützer schüren noch niedrige Empörungslust, aber der "Meister" ist angekommen im internationalen Kunstolymp und hat kürzlich die feministischen Aktionistinnen des Wiener Umfelds akzeptiert, fehlt also nur noch die Einladung von Renate Bertlmann & Co in die Nitsch-Museen.