"Fotografie ist ein Handwerk. Wir sind von der Kamera abhängig wie der Maler vom Pinsel. Es ist ein kompliziertes Handwerk. Nicht jedes Auge sieht. Schauen muss man lernen, das Auge kann man trainieren. Ob das eine Kunst ist, will ich dahingestellt lassen, aber es ist wichtig. Schauen ist etwas sehr Aufregendes." Das war die pragmatische Einstellung von Erich Lessing. Er hat seine Augen wohl ausgiebig trainiert, aber seine Augen konnten mit diesem Training auch deutlich mehr anfangen als die der meisten anderen. Denn Erich Lessing war der Doyen der österreichischen Fotografie, er dokumentierte Weltgeschichte in seinen Reportagen und war Mitglied der berühmten Agentur Magnum. In der Nacht auf Mittwoch ist Lessing im Alter von 95 Jahren in Wien gestorben.

Geboren wurde Lessing 1923 in Wien, 1939 emigrierte er nach Palästina und studierte in Haifa Radiotechnik. Doch nicht dieses Medium, sondern die Fotokamera war es, die Lessing ein Leben lang begleiten sollte. Während des Krieges wurde er bei der Britischen Armee als Fotograf verpflichtet, nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück. Er begann, als Fotoreporter für die Nachrichtenagentur Associated Press zu arbeiten, und lieferte auch Reportagen für renommierte internationale Magazine wie "Life" und "Paris Match".

Staatsvertrag und de Gaulle

Lessing hatte sehr klare Vorstellungen von der Verwendung seiner Bilder. Als er die erste Sitzung des Europarats dokumentierte und der Artikel dazu eine europafeindliche Tendenz hatte, erstritt er lautstark einen neuen Text. Wie Lessing meinte, hat diese Manifestation der Sturheit zu einem großen Teil dazu beigetragen, dass er 1951 zur legendären Fotoagentur Magnum kam. Dort "warteten" bereits zwei andere Österreicher, Inge Morath und Ernst Haas. Berühmt wurden Lessings Aufnahmen vom Ungarnaufstand 1956, er dokumentierte auch die Unterzeichnung des Staatsvertrags im Belvedere oder den Besuch von Charles de Gaulle in Algerien. An diesem Beispiel erklärte er gerne, was ein geschultes Auge ausmacht. Er fotografierte de Gaulle von oben herunter: "Da wo alle (anderen Fotografen, Anm.) stehen, das ist nix."

Eindringliche Porträts wie eine Serie über Herbert von Karajan oder imposante Bilder von Kunstwerken vervollständigten das Portfolio. Zur Erholung von Einsätzen in Krisengebieten ließ sich Lessing auch als Fotograf für Hollywood-Produktionen einspannen - etwa bei "Moby Dick", wo er die Crew beim Pokern auf dem Gerüst des Riesenwals "erwischte".

Lessing blieb bis zuletzt ein Verfechter der analogen Fotografie. Für die Digital-Ära befürchtete er einen "Dokumentationsnotstand", weil zwar viel mehr fotografiert werde, aber auch viel sorgloser gelöscht. Seinen Job als Meister der Dokumentation hat Lessing jedenfalls sehr gewissenhaft gemacht. Sein Archiv von 60.000 Farbfotografien schenkte er bereits 2013 der Nationalbibliothek.