Nachdem sie selbst alles verloren und als jüdischer Flüchtling drei Jahre in den französischen Bergen bei Lyon überlebt hatte, kam die Mode- und Glamourfotografin Dora Kallmus (Madame D’Ora) 1946 und 1948 zurück nach Wien. Sie wollte ihren Familienbesitz in Frohnleiten zurück, und sie traf und fotografierte Viktor Matejka, der versuchte, die Vertriebenen des Wiener Kulturlebens aus dem Exil zurückzuholen. 1948 entstanden ihre "Porträts der Entwurzelung", die nun zum Teil im Photoinstitut Bonartes zu sehen sind. Kuratorin Magdalena Vucović hat auch in den Archiven der UNO geforscht, deren Unterorganisationen damals für die enormen Flüchtlingsströme in Europa zuständig waren, doch sie fand keine Belege dafür, dass Kallmus im Auftrag der UNRRA oder der Folgeorganisation IRO in den Lagern in Salzburg und Wien tätig gewesen wäre.

Wie ihre im Nachlass befindlichen 70 Aufnahmen und 40 Kontaktbögen verraten, muss sie aber die Erlaubnis zum Betreten der Lager gehabt haben, doch waren die Fotografien wohl zu wenig für die Dokumentation der Hilfeleistungen geeignet. Sie stammen zumeist aus dem Umfeld ihres Besuches 1948, als sie ihr Haus in Frohnleiten restituiert bekam.

Im zerbombten Wien nähern sich ihre Aufnahmen der Ruinen an die Ästhetik des Filmes "Der dritte Mann" an - das später abgerissene Palais Sina am Hohen Markt findet sich hier wie dort. Spannend und psychologisch aufgeladen ist ihr Blick auf die zugemauerte Tür der Secession.

Leere Blicke

In Salzburg hat sie Bombentreffer am Hotel Europe in Bahnhofsnähe dokumentiert. Darin hausten vor allem deutschsprachige Flüchtlinge aus dem Osten und Donauschwaben aus Jugoslawien. Sie wurden von der Bevölkerung angefeindet. Die "Wiener Zeitung" beschreibt ihre Arbeitsverpflichtung, die D’Ora auch festhielt. Sie machte keinen Unterschied, ob sie die "Displaced Persons" jüdischer Herkunft um das Rothschildspital in Wien oder in Salzburg die "Volksdeutschen" fotografierte.

Wichtig sind für sie das Aufzeigen der desolaten Zustände und die leeren Blicke der Heimatlosen. Sie inszenierte vor ihrer Rolleiflex mit nur einem Scheinwerfer viele alte Frauen, Paare, Kranke und Kinder, schlafend oder mit Zigarettenrauch, zuweilen im Gegenlicht. Ob diese Ästhetik nun fragwürdig scheint oder ob sie sich dem bekannten Film annähert oder schon psychologisierende Tendenzen vorwegnimmt, die 1951 in Edward Steichens "The Familiy of Man" auftauchen, bleibt ihr Geheimnis.

Kallmus kehrte danach nach Paris zurück und setzte ihre veränderten Themen nach 1945 mit der Serie in den Schlachthöfen fort. In beiden Zyklen arbeitete sie im Kontrast zu Prominentenporträts die eigenen traumatischen Fluchterlebnisse und die Ermordung ihrer Schwester ab. Die Bilder sind also weniger dokumentarisch als biografisch.