• vom 04.09.2018, 16:30 Uhr

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Update: 04.09.2018, 16:47 Uhr

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Die Künstlerin nicht als Herrin im Haus, hier ist Nil Yalter das Hausmädchen: "Tour de babel . . ."

Die Künstlerin nicht als Herrin im Haus, hier ist Nil Yalter das Hausmädchen: "Tour de babel . . ."© Nil Yalter und Galerie Hubert Winter Die Künstlerin nicht als Herrin im Haus, hier ist Nil Yalter das Hausmädchen: "Tour de babel . . ."© Nil Yalter und Galerie Hubert Winter

Wo beginnt innen?

(cai) Die Richtung ist schon einmal vorgegeben. Vom Ausstellungstitel. "From the Outside to the Inside." Und man kommt ja auch von draußen rein. In die Galerie Crone.

Information

Galerie Crone
(Getreidemarkt 14)
"From the Outside to the Inside", fünf Positionen, bis 8. September Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Galerie Hubert Winter
(Breite Gasse 17)
Nil Yalter, bis 8. September
Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 14 Uhr

Sofort ist man im Bann dieser sinnlichen Glasklumpen (Kelly Akashi), steuert willenlos drauf zu. (Das muss diese ominöse Gravitationskraft sein.) Und wird am Ende hineingezogen. Na ja, reinschauen kann man halt. Faszinierende Pflänzchen drin. In Daniel Lergons Malerei mit ihren wuchtigen, reduzierten Gesten möchte man dann am liebsten reinköpfeln, möchte seine Augäpfel in diesem betörenden Grün wälzen . . . okay, das wird jetzt ein bissl schräg. Der Deutsche holt jedenfalls aus einem einzigen Pigment alles raus. Zelebriert die Oberfläche geradezu priesterlich. In die düster surrealen Bildwelten von Nazim Ünal Yilmaz dagegen kann man zwar einsteigen, die Treppe hochgehen, die in die Psyche eines Selbstmörders (Strick um den Hals) führt, will man aber nicht wirklich. Und was macht Winnie the Poohs Freund I-Aah zwischen lauter zusammengenähten, aufgespannten Nylonstrümpfen? (Wie Häute. Gruselig.)

Schallplatten spielt man bekanntlich ebenfalls von außen nach innen ab. Peter Miller hat die Rillen mit einer selbstgebastelten Vorrichtung als präzise Zeichnung auf Papier übertragen. Die Musik ist eine laaaange Linie. Wenn man dieser nun mit dem Blick folgt wie die Nadel vom Tonabnehmer, kann man Stevie Wonder . . . trotzdem nicht singen hören. (Schade.) Ein Laserpointer dringt im Finstern in die Intimsphäre einer Kamera ein: Millers filmische Medienanalyse ist genial simpel und dabei irgendwie magisch. Keinen Zugang hab ich zu Rosa Aiellos zusammengewürfelten Filmsequenzen gefunden. Die alphabetisch geordneten Sprachfetzen verwirren zusätzlich. Nicht jede Kunst lässt einen rein.

Doppelstaatsbürger sind doppelbelastet

(cai) Das Leben allein ist ja schon harte Arbeit. Und wenn man dann zu allem Überfluss noch doppelbelastet ist. Ach, weil man einen Job auch noch hat? Allerdings einen, den man nur im Ausland erledigen kann. "Exile is a hard job" - die, die das in Leuchtschrift in die Galerie Winter hineingeschrieben hat, hat selber einen sogenannten Migrationshintergrund. Ist Türkin und Französin. Und umgekehrt.

Nil Yalter, 1938 in Kairo geboren und trotzdem keine Ägypterin, ist also eine französische Künstlerin mit türkischen Wurzeln. Oder eine türkische mit Pariser Adresse. Und wahrscheinlich beides. Klingt nach einem quantenmechanischen Phänomen. Schrödingers Katze ist doch ebenfalls zwei Sachen auf einmal. Sowohl mausetot als auch quicklebendig. Und das Gezeigte ist Dokumentation (der Arbeits- und Wohnsituation von Einwanderern) und Kunst. Die unschrillen Fotos, die gern mit anderen Medien (Zeichnung, Malerei, Text, Objekt, Film) zu einem neuen ästhetischen Ganzen kombiniert werden: alt, nämlich oft noch aus den 1970ern, und hochaktuell.

Gesichter werden zu einer anonymen Masse vervielfältigt, bis sie tatsächlich verblassen, die Leute nach und nach ihre Identität verlieren. Istanbul 1974: Yalter klaubt in der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, einen Kinderschlapfen auf. Dokumentiert den Fund mit archäologischer Sachlichkeit. Eine nüchterne Assemblage, die geradezu etwas Autobiographisches hat, vom Verlust erzählt. Ob die Person, die Schuh und Kindheit zurückgelassen hat (inzwischen muss sie ja fast 50 sein), noch in der Türkei lebt? Einfühlsam: Wie sich Yalter vorsichtig, Bild für Bild, einer tristen Satellitenstadt nähert (mit dem Auto und mit ebenso dynamischer Kamera) und am Ende zwischen all dem Beton ein Blümchen pflückt. Das ein Kind gezeichnet hat. Und das ikonische Selbstporträt als servierendes Hausmädchen? (Auf der Schürze: das Logo des Centre Pompidou.) Wirft natürlich Fragen auf. Zu ihrer eigenen Rolle. Wenn die Künstler im Museum nicht die Ehrengäste sind, sondern bloß die Bedienung, wer sitzt dann am Tisch und futtert das Essen weg?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-04 16:39:00
Letzte Änderung am 2018-09-04 16:47:50


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