Das Jahresmotto "Spirit of 68" spricht vielschichtig in der Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Polly Apfelbaum mit dem Titel "Happiness Runs" im oberen Stock des Belvedere 21 mit hinein. 1968 schrieb Songwriter Donovan, der mit "Catch the wind" und "Atlantis" berühmt geworden war, den Kanon "Happiness runs in a circular motion". Das gilt nun für Besucher im übertragenen Sinn: Nach Wechsel zu eigens angefertigten Hausschuhen dürfen Besucher die sechs Bodeninstallationen betreten, sich auf die Kunstwerke setzen und bekommen erstmals nach der Restaurierung den Blick auf Karl Schwanzers Pavillon ohne Zwischenwand geliefert.

Polly Apfelbaum ist eigentlich Malerin, doch seit den 1990ern arbeitet sie nur noch mit Teppichen, die sie in Mexiko weben lässt - sie nennt sie auch "Fallen Paintings". Hier werden alle Sinne erweitert - durch das Tasten mit den Füßen, das Betreten der Werke und nomadisches Lagern darauf.

Weben hat mit Kulturtechnik der Jahrtausende zu tun, und es sind Männer, die ihre Entwürfe am Webstuhl in Mexiko ausführen, das Färben der Wolle besorgen Frauen. Damit ist nicht nur die ganze Genderdiskussion mit ins Treffen geführt, sondern Erinnerung an die Realität von 1968: Der Mann besorgte die Architektur, Skulptur und Malerei, die Frauen das Kunsthandwerk. Damit ist die Veränderung der damals so gering geschätzten "Textilkunst" angesprochen. Apfelbaum geht es auch um Institutionskritik und Theorie, sie liebt Minimal-Art wie Pop-Art und Abstrakten Expressionismus, denkt aber über die Gattungsgrenzen und Ismen weit hinaus.

Soziale Felder der Kunst

Seit Arte povera war das Weben wieder als alte Kulturtechnik neben Keramik im Blickfeld, auch das Auslagern der Anfertigung in Länder in Asien oder eben Mexiko sollte mit die sozialen Felder des Kunstmachens beleuchten. Apfelbaum sagt aber auch frei nach René Magritte "Das sind keine Teppiche". Statt "carpet" findet sie die Bezeichnung "rug" passender und das mit dem "Stigma" Weiblichkeit und Häuslichkeit behaftete Kunsthandwerk ist mit der neuen partizipativen Ästhetik durch die Besucher noch einmal zu überdenken.

Dass jedes Ding seine Gegenposition in sich trägt, ist zudem auch eine These, die Werner Hofmann in seinen Anfängen in diesem Pavillon Schwanzers propagierte. Dazu fällt einem die österreichische (in Wien und Linz ab 1968 virulente) Textilszene seit dem "Art Club" ein, aber auch dass die "Feministische Avantgarde" bereits auf den textilen Ansatz eines Rudolf Schwarzkogler mit ähnlicher Gegenstrategien antwortete. Von Johanna Schidlo über Renate Bertlmann und Rita Furrer bis Maria Hahnenkamp oder Gudrun Kampl sollte zur internationalen Sicht Apfelbaums dringend dieses Gegenüber im Belvedere 21 auch einmal zu Wort kommen. Grete Rader-Soulek, Marga Persson und Fritz Riedl haben zur Ausbildung für Gobelinweben an der Angewandten und in Linz viele Impulse gesetzt, die es wert sind zu beleuchten, da heute auch die performativen Aspekte kombiniert sind.

In einer Arbeit "Face (Geometry) (Naked) Eyes" integriert Polly Apfelbaum kleine, an Schnüren hängende rote Keramikscheiben mit zur Bodeninstallation als Raumakzent; auch sie sind von der Künstlerin in vielen Varianten gestaltet und erinnern an die hängenden Fäden an den Webstühlen - also auch ein Hinweis auf die tausende Jahre anhaltende Kulturtechnik, die in Wien schon im 19. Jahrhundert für Theoretiker wie Gottfried Semper oder Kunsthistoriker Alois Riegl Anlass zu Forschungen in Richtung Moderne und Abstraktion waren.

Somit lässt sich Apfelbaums Materialwahl mit einigen Denkerweiterungen mit wichtigen Kunsttheorien aus Wien verbinden. Also nicht nur die nomadische Sicht mit dem Zuhause, wo ein Teppich ausgebreitet wird, sondern eine Erweiterung in hiesige Kunstpositionen, die ebenso radikal Textil und Keramik in die virulenten Fragen der Kunstszene eingebracht haben. So wird der liegende zum fliegenden Teppich, wie Autor Bob Nickas im Katalog anregt.