Nippes-Idylle mit Preisschild: Konsum-Stillleben von Annette Kelm. - © A. Kelm/König Galerie Berlin/London
Nippes-Idylle mit Preisschild: Konsum-Stillleben von Annette Kelm. - © A. Kelm/König Galerie Berlin/London

Es ist nicht gerade das Kunstgenre mit dem besten Image. Hinter der Landschaftsmalerei rangiert das Stillleben auf der Skala der erhabenen Kunstfertigkeit auf dem letzten Platz. Das erklärte Bettina Leidl, Direktorin des Kunsthaus Wien, bei der Präsentation jener Ausstellung, die zeigen soll, dass sich das in jüngster Zeit geändert hat. Zumindest in der Fotografie wenden sich Künstler vermehrt der Abbildung von Anordnungen zu. Begrüßt wird man in der Schau "Eigensinn der Dinge" von einem Bild von Annette Kelm: Vintage-Vasen mit Mohnkapseln und dem neuen, wuscheligen Trendgewächs Palmgras - diese Anordnung scheint sich kaum von Dekotipps in Wohnmagazinen zu unterscheiden. Wenn da nicht im Hintergrund eine Pizzaschachtel lehnen würde, der Tisch überhaupt recht kunstvoll angeramscht wäre und allerlei Nippes-Schnickschnack gar noch das Preisschild trüge.

Konsum und Lifestyle

Die künstlerische Betrachtung von Alltagskonsum ist eine der Strategien der modernen Stillleben. Auch Andrzej Steinbach verfolgt sie, wenn er eine Bomberjacke fotografiert. Sein "Stillleben" besteht aus mehreren Fotos: Nur eines davon zeigt das Kleidungsstück, das einst als Erkennungszeichen für Skinheads gebräuchlich war. Die anderen zeigen Pflastersteine, die zum Werfen bereitgelegt sind - so holt Steinbach die Jacke, die zuletzt wieder zum Lifestyleobjekt geworden ist, in den politischen Kontext zurück.

Gewand hat auch Gerhard Domenig fotografiert: Seine Fotos von Jacken und Sakkos, die sich in den Rhythmus von Pflastersteinen schmiegen, wirken, als wäre der Mensch aus der Kleidung verpufft. Diese Arbeiten sind aber, anders als bei Stillleben üblich, nicht inszeniert. Das sind auch Zoe Leonards Arbeiten nicht, rätselhafte Muster von schmutzig-grauen Punkten mit vereinzelten schmutzig-rosa Ausreißern, die sich als in die Straße getretene Kaugummis entpuppen.

Nichts überlässt wiederum Lucie Stahl dem Zufall, und wenn doch, ist es kein Zufall: die Künstlerin legt ihre Objekte direkt auf den Scanner, ob das nun getrocknete Ringelblumenblüten sind oder ein Totenkopf mit blonden Kunsthaarzöpfen und welken Rosenblättern. Wenn sich da dann eine Fliege auch ins Bild "verirrt", ist das der Künstlerin nur recht.

Tacita Dean nähert sich der Thematik historisch: Sie hat in den Archiven des berühmtesten Stillleben-Malers des 20. Jahrhunderts, Giorgio Morandi, gekramt und seine Studien zu den Gemälden fotografiert. Die chaotische mathematische Anordnung von Kreisen und Strichen macht deutlich, wie viel Konzept hinter der Kunstform steckt. Das kann man auch im Film "Still Life" von Harun Farocki erleben, der den Künstler beim richtigen Inszenieren von Käse begleitet.

Vogel im Kühlschrank

Gleichermaßen eine Weiterführung und totale Reduktion des Genres betreibt Laura Letinsky, auf deren weiß strahlenden Bildern mitunter nur eine Kirsche mit ein paar Kernen und Stängeln heraussticht. Das berührendste Bild stammt von Andrea Witzmann, es zeigt eine auf ihrem Balkon gefundene, tote Gebirgsstelze, die sie aus Mitleid nicht wegwerfen konnte, also legte sie den Vogel in den Kühlschrank neben Eiswürfelbehälter. Eine irgendwie auch humorvolle Reminiszenz an die Symbole der Vergänglichkeit, wie man sie aus Stillleben des 17.oder 18. Jahrhunderts kennt.

Apropos Vergänglichkeit: Kuratorin Maren Lübke-Tidow sieht einige Arbeiten als Antwort auf den Bilderüberfluss der digitalen Ära. Dass sie mit dem Kunstwerk von Hans-Peter Feldmann Letzterem auch Nachschub liefert, hat sie möglicherweise nicht bedacht. Seine an die Wand angebrachten Kunstblumentöpfe reizen, selbst zum Stillleben-Fotografen zu werden. Und das Produkt dann auf Instagram und Facebook "auszustellen".