• vom 16.09.2018, 16:00 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Karo und Kroko




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Anthea Hamilton, Anne Speier, James Richards & Leslie Thornton in der Secession.

Anthea Hamilton verordnet dem Hauptraum der Secession eine Karo-Kur. - © Sophie Thun

Anthea Hamilton verordnet dem Hauptraum der Secession eine Karo-Kur. © Sophie Thun

Der Hauptraum der Secession ist durch das Hamilton-Schottenkaro in ein rot-blau-weißes Raster getaucht, auch am Boden herrscht "The New Life" von Anthea Hamilton. Sie stammt nicht aus dem schottischen Clan, der dieses Muster trägt. Doch auch das Namenspiel zum Karo gibt der sakralen Architektur eine performative Öffnung, weil es jene alte ideologische Ästhetik konterkariert.

Das gelingt auch mit verstreut eingestellten Skulpturen, die aus strengem Metallraster wie aus weichen Stoffen gestaltet sind. Die Softsculptures, Schmetterlinge und eine Schildkröte, machen sich im Raum in Übergröße breit, daneben gibt es drei Standflächen für teils bekleidete und geschmückte schwarze Schaufensterpuppen, die Küchengeräte halten oder von diesen samt Erdäpfeln und Blaukrautköpfen umgeben sind. Erdäpfel liegen auf einem Podest, das ein Foto des jungen Karl Lagerfeld hinter Plexiglas humorvoll aufmischt. Die disparate Installation birgt einen passend rotblauen Kimono, vor der mittigen Metallskulptur hängend, den eine Performerin (Kunstpriesterin?) tragen könnte. Die in London lebende Künstlerin wird ihn nicht nutzen, bespielt aber derzeit die Tate Britain mit der auf Performance aufbauenden Schau "The Squash".


Groteske lauert
Wie für Hamilton spielt Antonin Artaud auch in Anne Speiers Installation in der Galerie im Keller eine wichtige Rolle, da es um die körperliche Erfahrung der Dinge geht. Auch sie will die hierarchischen Räume sowie die Fassade des Secessionsgebäudes mit einer Mischung aus Bildern, Siebdrucken und Skulpturen aufbrechen für neue Erzählungen. Wie oben, lauert auch hier die Groteske, durch Zitate voll kitschiger Ironie, es tauchen skulpturale Hütchen auf, und in den Bildern erlebt ein Hummer, der in einem Lokal gegessen werden soll, eine Liebesgeschichte. Vor seiner Auflösung im zentralperspektivischen Bühnenraum tauchen Monster auf, die an Edvard Munch und Hieronymus Bosch erinnern, das Fischlokal zitiert Auguste Rodins "Höllentor". Zuweilen tragen die Protagonisten Daunenjacken aus dem Internetversand - aus der Lehre an der Wiener Akademie bringt die deutsche Künstlerin zusätzlich Denkprozesse zu ästhetischen Regeln, Kunstgeschichte und Film ein.

Im Grafischen Kabinett ist ein 20-minütiges Video von James Richards & Leslie Thornton ein wahres "Crossing" von Found-Footage-Material aus dem Netz, das die beiden nach Sammeln, Schneiden und in langem Austausch in einen kinematografischen Höhenflug verwandelten. Es startet mit einer Band und perfektem Sound, es folgen atmende Krokodile und Unterwasserszenen, zudem ein Atomtest in Zeitlupe. Das und viel mehr hat sich per Mail von New York nach London über Zeitzonen hinweg in dieses Teamwork eingeschrieben, bis die beiden einander trafen und noch im Taxi zur Präsentation im Walker Arts Museum von Minneapolis gemeinsam letzte Eingriffe tätigten. Die Interaktion zwischen bildender Kunst und Musik war schon 1902 die Idee hinter der Beethovenschau im Haus, jedoch ist das Genie längst ins Karo gefallen.

Ausstellung

Anthea Hamilton, Anne Speier,

James Richards & Leslie Thornton

Secession, bis 4. November




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Dokument erstellt am 2018-09-14 17:24:10


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Geboren 1973 in Wuppertal; studierte Kommunikationsdesign bei Wolf Erlbruch. Sie lehrte als Dozentin an der Folkwang Universität der Künste in Essen... weiter




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