• vom 18.09.2018, 15:47 Uhr

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Ein Rapunzel-Ei? Michael Kos hat Brancusis berühmtem Ei laaaaaange Gummihaare verpflanzt ("Brancusi reloaded."). - © Michael Kos, Bildrecht

Ein Rapunzel-Ei? Michael Kos hat Brancusis berühmtem Ei laaaaaange Gummihaare verpflanzt ("Brancusi reloaded."). © Michael Kos, Bildrecht

Zwischen den Enden

ist alles Wurscht


(cai) Er ist kein Straßenkünstler, der Rouven Dürr, seine aktuellen Arbeiten heißen bloß wie Straßen. Straßen aus seinem Grätzel. Aus dem achten Bezirk. Na ja, gut, ein anderer (der Hans Staudacher) ist Autodidakt und muss sich deshalb doch ebenfalls nicht gleich ans Steuer setzen. ("Ich bin Autodidakt, aber ich fahr nicht Auto.") Vielleicht, weil "Autodidakt" nicht das Fremdwort für Fahrlehrer ist.

Und warum nennt jetzt einer seine abstrakten Skulpturen ("immer diese Wurscht mit einem Durchmesser von 16, 17 Zentimetern, die ich in Formen bring, die ich spannend find") "Strozzi", "Daun", "Albert", "Lederer"? Zwecks der Ordnung. Damit die Kinder einen Namen haben. Einen, der zumindest besser klingt als: "Wurscht 1, 2, 3 . . ." Etwaige Ähnlichkeiten mit Verkehrswegen oder den Personen, nach denen diese benannt sind, wären also rein zufällig. Trotzdem fühlt man sich an Rohre erinnert, und die Albertgasse ist immerhin wegen der Albertinischen Wasserleitung zu ihrem Namen gekommen. Anatomische Assoziationen hat man im GPLcontemporary auch. "Strozzi" (an der Wand): Ein Kniender? Von hinten? Gesäß, zwei Beinstümpfe. Aber ich hab mich da eh verschaut. Das ist nicht die Gräfin Strozzi, den Götz zitierend, das ist eine interessant gebogene Gipswurscht.

Auf Transportkisten räkelt sich derweil der pure Beton in seiner rohen Sinnlichkeit. Akte quasi. Das nackte Material. Und obwohl das so ein brutaler Werkstoff ist ("nein, überhaupt nicht; eigentlich ein sehr sensibles Material"), ist es geradezu elegant, wie sich die Enden verdrehen. Haben die Bewegungen Grazie. Ob Gips einfach weniger Sex-Appeal hat als Beton (oder eventuell Bronze), oder wieso wirken die Wandobjekte blasser? Rouven Dürr: "Wenn jetzt jemand kommt, der das in Bronze haben will - und mir das zahlt . . ."

GPLcontemporary

(Preßgasse 30)

Rouven Dürr, bis 5. Oktober

Mi. - Fr.: 13 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr

Männer, die

Eier legen

(cai) Er ist kein Friseur, der Michael Kos, aber er kann sogar Eiern eine Frisur machen. Dabei haben die eine Glatze. Eines der berühmtesten Eier überhaupt hat er frisiert. Das vom Kolumbus? I wo. Der hat sein Ei ja nicht einmal gelegt. Eh nicht. Er hat es hingestellt. Brancusi hat seins allerdings sehr wohl gelegt. Auf einen Sockel.

Der Kos setzt sich nun, nein, nicht brütend drauf (oder irgendwie schon), sondern vielmehr mit dieser Urform des Lebens auseinander, auf die Brancusi den Kopf radikal reduziert hat. Und weil "Der Anfang der Welt" nicht unbedingt das Ende der Bildhauerei bedeutet (oder des Bildhauer-Eies, das nämlich trotzdem noch spannend sein kann), hat Kos dem Ovoid Haare transplantiert. Edlen Marmor frech mit Gummischnüren kombiniert. Als wäre irgendein tentakeliges Nesseltier in der Galerie Gans gestrandet. Oder eine Frau. "Brancusi reloaded." (Reloaded? So wie "Jetzt erst recht"?) Seine "Mappings" (Landkarten, zerschnitten, gefaltet, in einen Rahmen eingeschlichtet) hat er auch "neu geladen", dieser präzise, doch darum nicht weniger experimentierfreudige Bildhauer. Hat auf die abstrakten Landschaften Zielscheiben gesprayt. Nirgends auf der Welt ist man mehr sicher. Vor Kameras, Bundestrojanern, Terroristen. Und wenn ein Künstler die eigene Ausstellung zum Angriffsziel macht? Galgenhumor? Was da neben den Wörtern "Target" und "Destroy" steht (Ziel zerstören!), das sind ja die Koordinaten der Galerie. Das Büttenpapier hat freilich nicht deshalb eine Gänsehaut. Die Dippel sind aufwändig reingeklopft worden. (3D-Pointillismus?) Nicht einmal ein weißes Blatt ist hier also leer.

"Wieder holen" (nicht zu verwechseln mit "wiederholen") - der Titel der Schau will uns definitiv nicht sagen: "Mir ist halt echt nix Neues mehr eing’fallen." Okay, die tiefen Wunden in seinen Steinen näht er, der Kos, noch genau wie früher. Als wäre er ein Chirurg. Aber die verheilen eben nicht von selber.

Galerie Gans

(Kirchberggasse 4)

Michael Kos, bis 13. Oktober

Di. - Fr.: 12 - 18, Sa.: 12 - 15 Uhr




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Dokument erstellt am 2018-09-18 15:57:16


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