Was bedeutet Freiheit? - Josip Novosel zeigt einen "Sepp mit Schnupftabak". - © Planina-Gornja/Josip Novosel
Was bedeutet Freiheit? - Josip Novosel zeigt einen "Sepp mit Schnupftabak". - © Planina-Gornja/Josip Novosel

Die Frage nach der Freiheit vereint im Hauptraum des Belve-
dere 21 mehr als 50 künstlerische Positionen, zum Teil auch Gruppen, die künstlerische Arbeit mit aktivistischer Praxis verbinden. Es geht um die Angst, die Freiheit zu verlieren, aber auch um deren Wandel. An dem Querschnitt ist kaum was auszusetzen. Wie subjektiv jede Auswahl bleiben muss, thematisiert fast zentral Lili Reynaud-Dewar mit ihren Puppen und beschrifteten Kleidern, die sich auf die Rollen aller hier Zusammentreffenden bezieht, vom Kurator, Künstler bis zum Publikum und Reinigungspersonal - alle vereint zur "Small Tragic Opera of Images and Bodies in the Museum". Vielleicht ist diese ironische Note bezeichnend für unsere Zeit in einem Raum, in dem Gründungsdirektor Werner Hofmann 1968 eine damals wenig verstandene Ausstellung von Fotografien der Studentenproteste in Paris zeigte - die weniger als politisch gewagt, aber als kunstfern kritisiert wurde.

Subversive Ironie

Solche Kritik trifft Severin Dünser als Kurator anderer Freiheiten im "Spirit of 68" Jahresmotto sicher nicht, auch wenn es im Vorfeld Diskussion machbarer Aktionen mit einer Künstlerin gab. Mehr Kritik ist vielleicht typisch für ein derart komplexes Thema und zieht selbst die Kunstkritikerin mit hinein, denn auch für sie gibt es das mit auffordernden Sätzen beschriftete Kleid in Reynaud-Dewars Oper.

Mit der Auswahl einzelner aus diesen vielen Perspektiven eines Themas stellt die Schau jedenfalls hohe Ansprüche. Sie strengt an, trotz subversiver Ironie, mit der auch die Freiheitsstatue in New York oder die Berliner Mauer beleuchtet werden (von Dara Birnbaum und Lars Laumann). Es fällt schon eingangs schwer, durch die von Eva Grubinger aufgestellten Tensatoren "Crowd", jene mit Leinen gelenkten Wege, die wir von Bahnhof, Flughafen oder Banken kennen, überhaupt in den Raum zu kommen. Darin stehen dann viele Bauzaunstellwände in geometrischer Anordnung, auch in Gevierte von Blackboxes gebracht, und sie zitieren, laut Kurator Dünser, die Museumspraxis früherer Jahre im Haus.

Freiheit eröffnet immer auch ein Parcours der Erinnerung an Künstler wie Christoph Schlingensief oder Harun Farocki, an sehr bekannte Werke wie jene von Oliver Ressler und der Afrikanerin Kara Walker. Mit Carola Dertnigs fahrbarer Rednerbühne, die zur Eröffnung auch zu einer Performance diente, kommt sogar Alexander Rodtschenko zurück in die performative Praxis. Luiza Margan lässt uns Zeugen werden von einem Auge in Auge-Treten mit dem Freiheitsdenkmal, das 1955 in Rijeka für die Partisanen aufgestellt wurde. Teresa Margolles verbindet wie oft blutige Geschichte mit stickendem Aktivismus von Frauen in Nicaragua, im Film und im dunklen Raum auch mit dem Artefakt. Milica Tomić‘ sturmgewehrbewaffneten Gang durch Belgrad 2009 über Plätze, die Partisanen und Antifaschisten gewidmet sind, verweist, absurd anmutend, auf die Reaktion der Staaten auf den damals aktuellen Krieg gegen den Terrorismus.

Geschlechterrollen

Wir begegnen neben den neuen Medien auch Malerei - so Ashley Hans Scheirl, der, statt mit dem Dildo in der feministischen Aktionspose von Lynda Benglis (1974), mit dem Malerpinsel auf die Geschlechterrollen anspielt, die bis ins Museum wirken - so wie beim Eingang Marlene Harings feministische Aktion 2010 auf der 6. Berlin Biennale mit Einlasspolitik ausschließlich für Frauen thematisiert. Anna Meyer und Andreas Siekmann antworten auf bröckelnde Demokratien in Zeiten des Neoliberalismus mit Modellen, die Meyer auch mit ihrer Malerei kombiniert. Die Leuchtskulptur "Liberty" von Sejla Kamerić ist mit Dornen gegen Vögel gespickt, und Hannes Zebedin baut in Art alter Ziegelfenster in Scheunen den Satz von Lenin (nach Friedrich Engels) "When Freedom Exists, There Will Be No State". Kostos Velonis sucht nach Demos Weggeworfenes und baut daraus Installationen, während Igor Grubić in Foto und Schrift seine 366 Liberation Rituals dokumentiert, die er 2008/09 im öffentlichen Raum von Zagreb veranstaltet hat. Diese Öffnung hinaus wäre auch nach der Eröffnungsperformance wünschenswert, auch und vor allem aber, dass Schulen kommen, um diese Werke im Diskussionsmodus zu halten.