Wien. In knallgelbe Schwimmanzüge gehüllt, gleiten junge Frauen sanft im Wasser. Um sich besser über der Oberfläche halten zu können, umschlingen ihre Hände leere Plastikcontainer. Die Entspannung ist ihnen ins Gesicht geschrieben, sie dürften die Situation genießen. Denn Schwimmen ist für den Großteil der Frauen in Sansibar, wo die amerikanische Fotografin Anna Boyiazis den Moment eingefangen hat, kaum möglich. Sie hat für die dort aufgenommenen Bilder einen Preis in der Kategorie "Stories" des "World Press Photo"-Wettbewerbs bekommen. Die Fotos sind derzeit zusammen mit den anderen Gewinnern in der Wiener Galerie Westlicht zu sehen.

Für ihre Bilderserie "Finding Freedom in the Water" hat Anna Boyiazis das afrikanische Sansibar-Archipel besucht, wo sich das tägliche Leben um das Meer dreht: "Für Buben ist es selbstverständlich, von klein auf im Wasser unterwegs zu sein. Der Großteil der Frauen lernt stattdessen nie schwimmen." Denn ungefähr 98 Prozent der Bevölkerung auf Sansibar sind Muslime und religiöse sowie kulturelle Regeln halten Mädchen davon ab, den Sprung ins Wasser zu wagen. Die NGO "Panje Project", deren Name übersetzt "großer Fisch" bedeutet, hat sich den Schwimmunterricht für Frauen trotzdem zur Aufgabe gemacht.

Anna Boyiazis im Westlicht. - © luxundlumen/Marlene Fröhlich
Anna Boyiazis im Westlicht. - © luxundlumen/Marlene Fröhlich

Durch viel Überzeugungsarbeit in den lokalen Gemeinschaften und dem Ausstatten von Mädchen mit islam- sowie sittenkonformen Ganzkörperbadeanzügen, sogenannten Burkinis, wurden die Kurse schließlich möglich. Auf dem Programm stehen verschiedene Schwimmtechniken aber auch der Schutz vor dem Ertrinken. Doch das Projekt ermöglicht mehr als das: Wenn sich die Mädchen im kühlen Nass tummeln, dann gewinnen sie damit ein Stück mehr Freiheit in ihrer von religiösen Regeln durchdrungenen Welt. Das Konzept bewährt sich, denn erfahrene Frauen unterweisen schon jetzt Neuankömmlinge.

Emanzipation im Wasser

Anna Boyiazis war sofort von der Idee eines Fotoprojekts besessen, nachdem sie von der Arbeit der NGO erfahren hatte. Denn die Mission von "Panje Project" deckt sich perfekt mit ihren Interessen an Menschenrechten und Frauenthemen, erklärt sie. Doch schon bei der Kontaktaufnahme gab es ein Problem: "Ich habe mehrere Mails geschickt und keine Antwort bekommen. Deswegen bin ich einfach nach Sansibar geflogen, um die Pläne für mein Projekt zu erklären. Um persönliche Beziehungen mit den Menschen vor Ort aufzubauen, musste ich ohnehin persönlich anwesend sein." Das war aber nur der erste Schritt: Nach der Ankunft begann ein langer Prozess des Kennenlernens und der Annäherung mit den Dorfältesten sowie den Eltern und Lehrerinnen der jungen Frauen. Alle Seiten sollten damit einverstanden sein, dass die Mädchen fotografiert werden. Einen Monat dauerte es, bis die Erlaubnis kam, Bilder zu machen. Boyiazis hat dann noch eine Woche lang den Schwimmunterricht ohne Kamera begleitet: "Den Mädchen war es eigentlich unangenehm, dass ich sie fotografieren wollte. Ich war aber lange genug da, dass meine Anwesenheit normal wurde." Im Wasser war sie deswegen wie die jungen Frauen komplett bekleidet. Auch eine Sache des Respekts, sagt sie.