Die Verwundung der Welt: Andres Serrano lässt in "The Morgue - Suicide by Rat Poison II" unwillkürlich auch an die Wunden Christi denken. - © Galerie Yvon Lambert, Paris/Cnap/Galerie Nathalie Obadia
Die Verwundung der Welt: Andres Serrano lässt in "The Morgue - Suicide by Rat Poison II" unwillkürlich auch an die Wunden Christi denken. - © Galerie Yvon Lambert, Paris/Cnap/Galerie Nathalie Obadia

Für ihre zweite Themenschau im Dom Museum nimmt Johanna Schwanberg einen Werktitel von Joseph Beuys als Anleihe: "Zeig mir deine Wunde" geht auf seine Installation "Zeige deine Wunde" in München 1974/75 zurück. Wie damals werden nun in Wien in drei Sälen persönliche Verwundungen mit jenen der christlichen Tradition in Beziehung gesetzt - zu vielen Varianten des Leidens an Seele und Körper kommt der verletzliche Künstler zu Wort, aber auch der moderne Berserker - so Lucio Fontana, der die Leinwand aufschlitzte, und Hermann Nitsch, der sie mit roter Farbe und Blut überschüttet. Dies verbindet für ihn Dionysos und Christus, bereichernd auch Beuys’ Bemerkung: "Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden."

Brüste wie Kuchen

Zu diesen Klassikern reiht sich Birgit Jürgenssen, aber auch einer Gruppe von Werken zum Thema "Die Verwundung der Welt" im Hauptraum und an der Stirnwand: Da trifft ein von den Nationalsozialisten mit Hacken verletzter Nazarener den brüchigen Wasserspeier von St. Stephan und eine 1945 fast verbrannte Handschrift. Daneben ein Foto Gabriele Rothemanns, das ein totes Reh in Nahsichtrealismus wieder lebendig erscheinen lässt. Reliktmontagen von Nitsch, ein kleines Objektkästchen von Beuys und daneben Nadia Myres "Scar Project", an dem sich die Besucher seit 2005 beteiligen können mit Schnitten und Nähen kleiner Leinwände.

Giovanni Giulianis "Heiliger Sebastian" führt Instrumente der Verwundung vor - die gleichen Pfeile treffen auch die laufende "Ste. Sébastienne" von Louise Bourgeois, die kopflos flieht. Der "Heiligen Agatha" ging es noch schlechter, ihr Martyrium als frühe Christin kostet sie ihre Brüste, die sie plastisch dem Betrachter präsentiert wie Kuchen.

Gefährliche Waffen der Politik, nämlich Antipersonenminen, fotografiert Raphaël Dallaporta wie kostbare Reliquien, genauso emotional ist das Video von Erkan Özgen, in dem der gehörlose syrische Bub Mohammed seine Bürgerkriegserlebnisse in Gesten verpackt - "Wonderland" verweist auf das Kinderbuch, denn wie Alice ist Mohammeds Welt eine ins Absurde verdrehte.

Ums Eck in der Schausammlung ist die heilige Katharina von Siena bemüht ihre Wundmale zu verbergen, deren Herkunft durch göttlichen Lichtstrahl Tanzio da Varallo nach 1620 andeutet. Ihre Verzückung ist vergleichbar der, die sich im subtil kombinierten Eingangsraum bei Renate Bertl-mann in ihrem inszenierten Fotozyklus "Maladies des Mystiques" manifestiert. Neben Markus Prachenskys roter Malspur emanzipieren sich verletzende Regeln, die auf ein Schweißtuch Christi treffen, das im Domarchiv von St. Stephan aufbewahrt wird, und einen gebrochenen Spiegel Kader Attias, dessen Teile Nähte zusammenhalten.

Ein spätbarocker Christus, dem klaffende Wunden eingeschnitzt sind, war für Andachten in Pestzeiten gedacht. Er lenkt den Blick zu den inneren wie äußeren Wunden des Aktionisten Günter Brus, den Tattoos von Katharina Daschner oder Heinz Cibulkas Kombinationen von Themenkreisen in diesem Parcours des Schmerzes, der sich auch in die Dauerausstellung zieht.