• vom 11.10.2018, 16:32 Uhr

Kunst


Ausstellung

Gesichter und Nicht-Gesichter




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • Die Albertina zeigt Alltagsbeobachtungen der Fotografin Helen Levitt aus New York.

Abgetaucht: New York 1940.

Abgetaucht: New York 1940.© Film Documents LLC/Galerie Thomas Zander Köln Abgetaucht: New York 1940.© Film Documents LLC/Galerie Thomas Zander Köln

Ein Mann gähnt herzhaft, seinen Sitznachbarn juckt es auch schon in den Kieferknochen. Er ist im weithin bekannten Stadium des "Vom-Gähnen-angesteckt-Werdens". Diesen Moment hat Helen Levitt in der New Yorker U-Bahn in den späten 70er Jahren verewigt. Levitt ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der Street Photography. Die Albertina widmet ihr ihre neue Foto-Ausstellung.

Helen Levitt (1913-2009) begann mit 22 zu fotografieren, sie ließ sich von den Besten beeinflussen. Henri Cartier-Bresson begleitete sie bei einer Fotosafari durch Brooklyn, mit Walker Evans machte sie ihre erste U-Bahn-Reihe. Das war in den 30er Jahren und die Bilder, die sie mit einer im Mantel versteckten Kamera gemacht hat, zeigen etwa ein schlafendes Paar, wo die Frau sich an den Mann lehnt, oder zwei Frauen, die einen so betrübten wie meditativen Eindruck machen. In den späten 70ern machte Levitt dann wieder Fotos in der New Yorker U-Bahn, diesmal versteckte sie ihre Kamera nicht.


Vergessene Kulturtechniken
in der U-Bahn

Ihre Motive störte das herzlich wenig - und sie sagen viel über die Gesellschaftsordnung aus: Etwa jenes Foto, in dem eine schwarze Frau mit ihrem Kind mit ängstlichem Blick sitzt, daneben ein weißer Mann, der sein Kind wiederum schützend auf seinem Schoß hält und pseudo-mutig schaut. Aber auch längst vergangene Kulturtechniken, wie die Unterhaltung mit fremden Passagieren, gibt es auf diesen historischen Alltagsbeobachtungen zu finden. Wie jene kleine, aber forsche ältere Dame mit Angorahäubchen, die sich angeregt mit einer Dame (oder einem Herrn) mit hoch aufgetürmten blonden Haaren und amüsiertem Blick unterhält.

Wenn Levitt Gesichter fotografiert, dann oft einen direkten Blick. Im Unterschied zu anderen Street Fotografen lässt sie etwa aus dem Fenster Blickende in ihre Linse schauen - etwa eine Frau mit selbstbewussten, aber müden Augen, und ihrem Kind, das verschämt nur ein Auge in Levitts Richtung wagt.

Oft aber fehlen die Gesichter auf Helen Levitts Fotos ganz: Das ist Folge ihrer Faszination für den Surrealismus. Etwa beim Foto eines Fensters, aus dessen geschlossenem Vorhang nur eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger ragt. Oft zeigt sie auch verrenkte Körper von Kindern beim Spielen oder Balgen, denen irgendwie die Köpfe abhandengekommen sind. Nicht selten ist auch Humor mit im Spiel, wie in jenem Bild, bei dem eine Mutter vom Kinderwagen "verschluckt" wird, das darin sitzende Kind kann dem Vergnügen darüber sichtlich kaum Einhalt gebieten. Und lässt die Fotografin beziehungsweise den Betrachter auch gleich als Komplizen dastehen.

Kinder, die mit
Waffen spielen

Aber auch weniger mysteriös verhüllte Gesichter finden sich in Levitts Oeuvre. Wie aus einem Independent-Kunst-Gruselfilm wirken ihre Fotos von Kindern, die sich für Halloween verkleidet haben. Zu dritt stehen sie auf einer typischen Eingangsstiege - die Levitt gerne als Bühne einsetzte -, ein Bub posiert trotz seiner aus Fetzen selbstgemachten Maske reichlich herrschaftlich. Ein Bereich der Ausstellung ist spielenden Kindern gewidmet - in den 40er Jahren vor allem Krieg spielenden Kindern. Ausgesprochen modern wirkt die Dynamik, mit der etwa ein Bursche mit seinem selbstgeschnitzten Holzgewehr aus seinem Kartonbunker - wieder auf der Eingangsstiege - ausbricht.

Die Ausstellung präsentiert Levitt auch als Filmemacherin - in Kooperation mit dem Filmmuseum - und als Pionierin der Farbfotografie ab den 1950ern. Diese bunten Fotos zeigen, wie sich New York - Levitt fotografierte fast ausschließlich dort - verändert hat. Den Freiraum, so schmutzig er gewesen sein mag, den Kinder in der Stadt in den 30ern hatten, haben sie nun nicht mehr. Levitt wendet sich älteren Menschen zu, die sie humorvoll-individuell zeichnet. Nicht zuletzt wird auch die Enge der Stadt thematisiert, illustriert etwa durch ein Foto, auf dem sich eine Dame mit üppigem Hinterteil zusammen mit zwei Kindern in eine Telefonzelle quetscht.

Ausstellung

Helen Levitt

Albertina, bis 27. Jänner

Kurator: Walter Moser




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-11 16:42:40


Bildende Kunst

Christoph Knecht

Geboren 1983 in Karlsruhe; studierte an der Royal Academy of Arts, London, am Chengdu Fine Arts College, China, und an der Kunstakademie Düsseldorf... weiter




Bildende Kunst

Claudia Märzendorfer

Geboren 1969 in Wien; Studium der Bildhauerei bei Bruno Gironcoli, Akademie der bildenden Künste, Wien; Mitglied der Wiener Secession; 2003/04... weiter




Bildende Kunst

Sonia Gansterer

Geboren 1968 in Neunkirchen; aufgewachsen in Kirchberg am Wechsel/NÖ; Studium an der Universität für Angewandte Kunst in Wien (Visuelle Gestaltung... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Corazón ist Trumpf
  2. Ferris MC steigt bei Deichkind aus
  3. Wien Modern: Neue Töne zwischen Kasino und Café
  4. Gesellschaftskritik und Liebesleid
  5. Das Licht, das kein Dunkel bricht
Meistkommentiert
  1. Gesellschaftskritik und Liebesleid
  2. Die letzte Diva
  3. Taylor Swift bei American Music Awards gefeiert
  4. Selbsterforschung


"Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.

Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt. Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta.


Werbung