• vom 27.10.2018, 15:30 Uhr

Kunst

Update: 27.10.2018, 16:07 Uhr

Albertina

"Der Rousseau des Ostens"




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Albertina präsentiert in der Pfeilerhalle den georgischen Künstler Niko Pirosmani.

Niko Pirosmanis "Großer Marani im Wald". - © R. Bigano/Infinitart

Niko Pirosmanis "Großer Marani im Wald". © R. Bigano/Infinitart

Wie die französische Avantgarde sich den naiv malenden Zöllner Henri Rousseau (1844-1910) als Vorbild für den Aufbruch in die Moderne wählte, entdeckten die russischen Revolutionäre Michail Larionow und seine Partnerin Natalia Gontscharowa über die Vermittlung eines jungen Malers die Ladenschilder des georgischen Neoprimitiven Niko Pirosmani (1862-1918) aus Tiflis.

Der Autodidakt wurde von ihnen begeistert als "Rousseau des Ostens" in der Ausstellung "Zielscheibe" in Moskau 1913 gemeinsam mit eigenen Werken neben Marc Chagall und Kasimir Malewitsch vorgestellt. Parallel präsentierten die "Linken Künstler", wie sie sich damals nannten, ihre Vorbildsammlung mit Volkskunstcharakter: Ikonen, Glasbilder und eben solche "Funde" naiver Malerei, die statt Salon und Akademie einer "Kunst des Verlernens" (Werner Hofmann nach Joshua Reynolds) huldigte.

Information

Ausstellung
Niko Pirosmani. Wanderer zwischen den Welten
Bice Curiger, Elisabeth Dutz (Kuratoren)
Albertina
Bis 27. Jänner

Im Westen kannten Pirosmani nur wenige, Pablo Picasso widmete ihm allerdings eine Radierung. Doch sein Nachruhm kam auch in Georgien für ihn zu spät und er erlebte nicht den Wechsel seiner überaus beliebten Bilder ins Museum von Tiflis. Sein Porträt landete schließlich 1995 auf der ersten georgischen Ein-Lari-Banknote. Bevor die Avantgarde ihn entdeckte, hatte er nur zum Überleben auf schwarze Wachstücher meist für Tavernenbesitzer, Bäcker und private Abnehmer exotische Tiere, das Landleben, Porträts von Tartaren und Schauspielerinnen sowie festliche Gelage, aber auch Jagden und kriegerische Szenen gemalt.

Dafür bekam er Naturalien, denn nach einer gescheiterten Beziehung war Pirosmani vom Milchbudenbesitzer und Bremser bei der Eisenbahn zum Trinker und Vagabunden geworden.

Der Erste Weltkrieg und die Anforderungen der Russischen Revolution auf Propagandabilder, denen er nicht nachkommen konnte, verhinderten jeden weiteren Aufstieg als Künstler. Statt mit den Avantgardisten in Paris auszustellen, verarmte er und starb 1918 unter einem Treppenverschlag einer Kellertaverne in Tiflis.

Magische Szenen

Mit Rousseau teilt Pirosmani nicht nur die Flachheit magisch anmutender Szenen, sondern die oft nächtliche Erscheinung der Landschaften - selbst seine Bären und Hirsche erscheinen unter dem Mondlicht, auch Züge und Bankette mit Tartaren stehen in zwar flachen aber weit anmutenden Landschaften bei Nacht. Die dunklen Gründe der Wachstücher wirken an die Oberfläche, wo dünnaufgetragenes Weiß, Blau und Ocker die Gestalten von hinten leuchten lässt, die einzige Räumlichkeit der an sich ikonenhaft flachen Kompositionen entsteht durch dieses Phänomen. Es gibt Alltagsszenen einen romantischen oder exotischen Touch, Menschen und Tiere leuchten oder wirken mit ihrer Umgebung zusammen warm und harmonisch. Pirosmanis Rosengeschenk an die französische Schauspielerin Margarita inspirierte Tadao Ando zu einem Glastisch mit blauen Rosen für den Künstler, der seinen Traum von einem Bankett mit Künstlern, aber auch sein fehlendes Grab ersetzen soll.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-26 16:12:56
Letzte Änderung am 2018-10-27 16:07:50



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