Wie Rembrandt van Rijn, so war auch Johann Martin Schmidt ein spätberufener Barockmaler, denn als er 1801 starb, herrschte in Wien längst der Klassizismus als ästhetisches Ideal. Jedoch war es Schmidt in seiner langen Schaffenszeit um 1750 gelungen, den Malstil seines Lehrers Gottlieb Starmayr abzulegen und von vielfigurigen Kompositionen der Nachfolge Paul Strudels in einheitlich atmosphärische Brauntöne des 1669 verstorbenen Holländers zu wechseln. Außerdem reduzierte er radikal sein Figurenpersonal, um biblische und mythologische Erzählungen konzentriert verständlich zu machen, garnierte alles mit schwungvoll-lebendigen Pinselzügen, was seine Bilder, durch Kombination von abendlicher Lichtführung bei Sammlern, voran einer Klientel aus Kirchenkreisen, sehr beliebt machte. Die Lobby des Malers hielt bis über das Biedermeier hinaus an. Selbst spätere Sammler Egon Schieles kauften nicht selten auch seine Werke.

Derbe Szenerien

Nach "Weltberühmt in Krems" vor Ort, widmet das Obere Belvedere dem niederösterreichischen Spätbarockmeister zu seinem 300. Geburtstag, und dem 250-Jahr-Jubiläum seiner Aufnahme in die Kupferstich-Akademie in Wien, eine Schau. Die Einteilung der drei Säle hat Kurator Georg Lechner klar thematisch gegliedert: Auf die religiösen und mythologischen Themen folgen Genreszenen, von den Spaniern und Niederländern beeinflusste Darstellungen von Bettlern, Handwerkern und Mönchen. Auch Zeichnungen und Radierungen geben Einblicke in Wirtshäuser, auf Musikanten, Feldarbeiter, Wahrsager oder auch einen "Sägefeiler". Diese Werke waren aber noch nicht sozialkritisch ausgerichtet, sie entsprachen mehr dem typisch barocken Geschmack an einfachen Lustbarkeiten der Landleute, auch ein wenig derbe Szenerien erschienen den meist adeligen Sammlern unterhaltsam.

Der "Kremser Schmidt" soll mit dem Reformkaiser Joseph II. zusammengetroffen sein, die kaiserliche Familie beauftragte ihn zwar nicht selbst, aber in Stift Seiten-stetten hingen Porträts von Joseph und seiner Mutter Maria Theresia. Neben vielen religiösen Altarblättern, von denen nur wenige durch Säkularisierungen oder Neugotisierung barocker Kirchen in die ehemaligen Kaiserlichen Sammlungen, später Staatsgalerie (Belvedere), eingegangen sind, kamen vor allem Ölskizzen, alles Vorlagen für die ausgeführten Gemälde, ins Museum. Nach 1770 ging Schmidt etwa ein Jahrzehnt nach Laibach, um dort die Kapelle des Gruberpalais (heute Staatsarchiv) und einige Kirchen auszustatten; sonstige Reisen werden nur vermutet. Der Meister lebte mit Werkstattmitarbeitern und seiner Familie in Stein, auch dort und in Krems lieferte er Altarbilder für die Pfarrkirchen ab, daneben arbeitete er mit Franz Anton Maulbertsch in Schwechat, in Kirchberg an der Pielach und in Spital am Pyhrn.

Der enge Radius eines Künstlers degradiert ihn nicht zur Provinzgröße, vor allem mit den ab 1768 für die Akademie als Aufnahmestücke entstandenen "Venus in der Schmiede des Vulkan" und "Das Urteil des Midas" beginnen seine besonderen Historien wie Cäsars Ermordung oder der Tod Lucrezias, vor allem aber viele bukolische Szenen mit Satyrfamilien neben Venusdarstellungen. Sie sind alle aus den 1780er Jahren und sprachen offenbar eine neue Sammlergemeinde nach den meist kirchlichen Auftraggebern an. Den bis heute historisch nicht fassbaren Domherren Wödl, stellte Schmidt schon 1768 in streng reduziertem Realismus dar, gegensätzlich offener ist dann 1791 eine "Allegorie des Sommers", die Rokoko- Schäferromantik vorimpressionistisch wirken lässt, was damals auch bei Füger durch englischen Einfluss zu finden ist. Durch die Schau hofft der Kurator noch vom Verbleib weiterer Werke des Malers zu erfahren, die 1100 in der Monografie Rupert Feuchtmüllers von 1989 sind seit 25 Jahren längst überschritten worden.